KI-Bild: Indien holt im KI-Wettrennen auf, Europa wirkt abgeschlagen. (Optik: Stephan Scheuer / Sora)
Warum das wichtig ist: Künstliche Intelligenz ist zur geopolitischen Infrastruktur geworden. Wer die Rechenzentren kontrolliert, die Modelle trainiert und die Plattformen für sogenannte Agenten betreibt – also KI-Programme, die eigenständig Aufgaben ausführen, E-Mails schreiben, Daten analysieren oder Transaktionen anstoßen –, der kontrolliert künftig zentrale Wertschöpfungsketten. Es geht nicht um Chatbots. Es geht um eine neue „Intelligenzschicht“, die sich über Industrie, Verwaltung und Konsum legt.
Indiens Premierminister Narendra Modi (v. l.) mit Altman und Amodei: Die Hand verweigert. (Foto: AFP)
Indien hat die strategische Bedeutung von Künstlicher Intelligenz offenbar verstanden. Premierminister Narendra Modi nutzt den „AI Impact“-Gipfel, um sein Land als dritten Pol zwischen den USA und China zu positionieren, berichtet Handelsblatt-Korrespondent Mathias Peer, der vor Ort war. Zwar produzieren 1,5 Milliarden Einwohner rund ein Fünftel der weltweiten Daten, doch bislang stehen in Indien nur etwa drei Prozent der globalen Rechenzentren. Diese Lücke will Modi schließen – mit massiven Steueranreizen und konkreten Investitionszusagen.
Google, Microsoft und Amazon planen Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe für Cloud- und KI-Infrastruktur. Hinzu kommen lokale Konglomerate wie Adani und Reliance. Indien setzt konsequent auf Skalierung: günstige Datentarife, fast eine Milliarde Smartphone-Nutzer und mit UPI das größte digitale Echtzeitbezahlsystem der Welt. KI soll nun ähnlich schnell in den Alltag diffundieren.
Gleichzeitig inszeniert sich die Regierung als Anwalt des „globalen Südens“. KI, so die politische Botschaft, solle ein öffentliches Gut sein – kein exklusives Profitinstrument weniger Konzerne. Strategisch ist das klug: Indien verbindet Offenheit für US-Kapital mit einer Erzählung von technologischer Souveränität und Demokratisierung.
In Kalifornien wiederum wird der Machtkampf zunehmend personalisiert. Der Wechsel des Open-Claw-Entwicklers Peter Steinberger zu OpenAI ist mehr als ein Talenttransfer. Open Claw war ursprünglich als Open-Source-Projekt konzipiert, also als öffentlich einsehbarer und veränderbarer Code. Nun soll das Projekt in eine Stiftung überführt werden, während Steinberger bei OpenAI an der nächsten Generation persönlicher Agenten arbeitet. Welche Konsequenzen das für Open Claw hat, hat Handelsblatt-Redakteurin Lina Knees analysiert.
Peter Steinberger. (Foto: steipete.me [M])
Dass sich OpenAI-Chef Sam Altman und Anthropic-Chef Dario Amodei in Neu-Delhi demonstrativ nicht die Hand gaben, steht sinnbildlich für diesen Wettbewerb. OpenAI wirbt aggressiv um Entwickler, investiert Milliarden in Rechenleistung und treibt die Kommerzialisierung seiner Technologien voran.
Eine Nachricht ging in dieser Woche weitgehend unter, ist jedoch besonders aufschlussreich: Auch Meta-Chef Mark Zuckerberg hatte vergeblich versucht, Peter Steinberger zu verpflichten. Nun vollzieht er eine bekannte Kehrtwende: Was er nicht kaufen kann, baut er nach. Dafür greift Zuckerberg auf das Start-up Manus zurück, das Meta erst im Dezember übernommen hatte. Die Firma soll zu einem Agentensystem ähnlich Open Claw ausgebaut werden. Ein erster Schritt ist die Integration des Messengers Telegram.
Und Europa? Der Kontinent exportiert weiterhin Talente. Steinberger ist nur das jüngste Beispiel. Wie Handelsblatt-Redakteurin Luisa Bomke kommentiert, klagen viele Gründer über ein regulatorisches Korsett, das Tempo kostet: Arbeitszeitregeln, Beteiligungsmodelle, Genehmigungsverfahren. Vieles davon ist gut gemeint. Doch im globalen Wettlauf um Basistechnologien entscheidet Geschwindigkeit. Wer in der Frühphase skaliert, setzt faktisch Standards.
Europas verpasste Chance
Dass Steinberger zum Abschied scharf gegen Europas Mentalität und Arbeitsrecht austeilte, mag überzogen wirken. Schließlich dürfte OpenAI ihm den Wechsel laut „Wall Street Journal“ mit bis zu einer Milliarde US-Dollar versüßt haben. Dennoch bleibt die Frage, warum er – wie viele andere Tech-Gründer aus Europa – seine Zukunft im Silicon Valley und nicht in Wien, Berlin oder Paris sieht.
Ebenso drängt sich eine weitere Frage auf: Warum hat kein europäischer Konzern versucht, ihn frühzeitig zu binden? Warum nicht SAP, das sich als KI-Vorreiter im Unternehmensumfeld positioniert? Warum nicht die Deutsche Telekom mit ihren Cloud- und Infrastrukturambitionen? Warum nicht Siemens, das industrielle KI seit Jahren strategisch beschwört?
Es wäre naheliegend gewesen, einen der profiliertesten Agenten-Entwickler Europas mit Ressourcen, klarem Mandat und unternehmerischer Freiheit auszustatten. Stattdessen ging er dorthin, wo Tempo, Kapital und Infrastruktur zusammenkommen.
Im Silicon Valley gilt diese Logik seit Jahrzehnten als selbstverständlich: Wer an die nächste Plattform glaubt, setzt alles darauf. In Neu-Delhi zeigt sich, wie ein aufstrebendes Land genau diesen Ehrgeiz entwickelt.
In Deutschland hingegen wird klug diskutiert – aber häufig zu vorsichtig. Im globalen Wettbewerb um technologische Führungspositionen dürfte das nicht ausreichen.
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