Hybride Kriegsführung: Europas sicherheitspolitischer Realitätscheck

Hybride Kriegsführung hat sich zu einer der zentralen Herausforderungen der europäischen Sicherheitsordnung entwickelt. Sie verbindet militärische, technologische und ökonomische Mittel mit psychologischen und informationspolitischen Strategien, um demokratische Systeme zu destabilisieren.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Cybersecurity & Datenschutz“

Offene Informationsräume, digitale Abhängigkeiten und komplexe Entscheidungsprozesse schaffen dabei neue Verwundbarkeiten. Deutschland steht hier exemplarisch im Spannungsfeld: als Ziel hybrider Einflussoperationen und als Akteur, der an der Entwicklung von Abwehr- und Resilienzstrategien mitwirkt. Cyberattacken, Sabotageakte und Desinformationskampagnen verdeutlichen, dass hybride Operaionen Teil unseres sicherheitspolitischen Alltags sind.

Hybride Kriegsführung ist kein neues Phänomen, doch zeigt sie sich in immer neuen Gewändern: Drohnen, ob am Himmel oder Unterwasser, künstliche Intelligenz und digitale Steuerungssysteme haben die Eintrittsbarrieren für staatliche Akteure drastisch gesenkt. Die vergangenen Jahre zeigen, dass hybride Angriffe längst keine Randerscheinung mehr sind, sondern gezielt gegen das Rückgrat moderner Gesellschaften – ihre kritische Infrastruktur – gerichtet werden.

Im Schatten der Drohnen

Der Einsatz von Drohnen stellt eine wachsende sicherheitspolitische Herausforderung für Europa und Deutschland dar. Diese unbemannten Luftfahrtsysteme werden zunehmend als Instrument asymmetrischer Einflussnahme genutzt. Nicht nur zur militärischen Aufklärung, sondern auch zur gezielten Destabilisierung ziviler Strukturen. Ihre Attraktivität für staatliche und nichtstaatliche Akteure liegt in der Kombination aus Anonymität, Kosteneffizienz, Zugänglichkeit und rechtlicher Grauzone.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine häufen sich auch in Deutschland Berichte über Drohnensichtungen über kritischen Infrastrukturen wie Energieanlagen, Häfen und militärischen Einrichtungen. Diese Aktivitäten bewegen sich im sogenannten „grauen Bereich“ zwischen Frieden und Konflikt. Sie sind provokativ, aber unterhalb der Schwelle einer offenen Aggression angesiedelt. Ziel solcher Operationen ist es, Sicherheitslücken offenzulegen, Reaktionsmuster zu testen und psychologischen Druck aufzubauen, etwa durch die Verunsicherung der Bevölkerung oder die Belastung staatlicher Abwehrstrukturen.

Die besondere Gefahr von Drohnenaktivitäten liegt in ihrer schwer zuzuordnenden Herkunft. Drohnen lassen sich leicht modifizieren und anonym einsetzen, wodurch eine eindeutige Attribution kaum möglich ist. Diese Unschärfe wird strategisch genutzt, um politische Reaktionen zu erschweren und Unsicherheit zu erzeugen.

Insgesamt verdeutlicht der Einsatz von Drohnen die Verschiebung moderner Konfliktformen. Sicherheit wird zunehmend im technologischen, psychologischen und informationspolitischen Raum ausgefochten. Für Deutschland ergibt sich daraus die Notwendigkeit, seine Abwehrmechanismen, Rechtsgrundlagen und institutionellen Schnittstellen neu zu denken. Hybride Kriegsführung mit Drohnen zeigt exemplarisch, dass moderne Sicherheitspolitik nicht nur auf Reaktion, sondern auf vorausschauende Resilienz angewiesen ist.

Kritische Infrastrukturen als sicherheitspolitische Schlüsselfaktoren

Hybride Angriffe richten sich zunehmend gegen privatwirtschaftliche Akteure, insbesondere Betreiber kritischer Infrastrukturen. Deren hohe Vernetzungsdichte und wechselseitige Abhängigkeiten bergen das Risiko von Dominoeffekten mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen. Die Störung von u. a. Energie-, Kommunikations- oder Logistiknetzen gefährdet nicht nur Funktionsfähigkeit und Versorgungssicherheit, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Schutzmechanismen.

Wirtschaftsunternehmen, insbesondere kritische Infrastrukturen, sind heute unverzichtbare Akteure in der Sicherheitsarchitektur moderner Staaten, sie müssen sich jedoch auch als solche begreifen. In einer Zeit, in der sicherheitspolitische Herausforderungen zunehmend wirtschaftliche, technologische und digitale Dimensionen annehmen, kommt ihnen eine Schlüsselrolle zu, sowohl als potenzielle Zielobjekte hybrider Angriffe als auch als aktive Gestalter von Schutz- und Resilienzstrukturen.

Zudem verfügen Wirtschaftsunternehmen über Kompetenzen, Ressourcen und Innovationskraft, die staatliche Institutionen allein nicht in gleichem Maße vorhalten können. Damit wird die Wirtschaft zum strategischen Partner und zu einem tragenden Pfeiler gesamtgesellschaftlicher Resilienz. Eine moderne und zukunftsträchtige Sicherheitsstrategie kann daher nicht mehr zwischen öffentlicher und privater Verantwortung trennen, sondern muss auf systematische Kooperation, Informationsaustausch und gemeinsame Vorsorge setzen. Sicherheitsbewusstsein, Investitionen in Prävention und eine offene Sicherheitskultur innerhalb der Unternehmen sind somit nicht nur betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten, sondern ein Beitrag zur Stabilität und Wehrhaftigkeit der gesamten Gesellschaft.

Die Illusion der Stabilität

Europa galt als sicher. Doch gerade diese Gewissheit ist zur strategischen Schwäche geworden. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich auf dem Kontinent eine Kultur des Friedens, der Offenheit und des Vertrauens etabliert. Eine historische Errungenschaft, die jedoch zunehmend blind gegenüber den realen Bedrohungen unserer Zeit geworden ist. Während autoritäre Regime gezielt Macht projizieren, kritische Infrastrukturen infiltrieren und durch Desinformation gesellschaftliche Stabilität untergraben, verharren viele europäische Staaten in administrativer Routine. Reaktion dominiert das Handeln, Analyse ersetzt Antizipation, Vorbereitung weicht Überraschung. Stabilität wurde als Naturzustand missverstanden, sie ist jedoch ein fragiles Gleichgewicht, das täglich neu gesichert werden muss.

In den letzten Dekaden hat sich sowohl in Europa als auch in Deutschland eine Art sicherheitspolitische Passivität etabliert. Die Sicherheitskultur ist stark verwaltungsgeprägt. Zuständigkeiten, Prozesse und Hierarchien dominieren. Doch hybride Bedrohungen operieren gezielt in den Zwischenräumen dieser Strukturen. Sie nutzen die Vakua zwischen staatlicher Verantwortung und privatwirtschaftlicher Kontrolle. Während Risiken dokumentiert werden, fehlt es an strategischer Voraussicht. Die Folge ist eine Sicherheitsarchitektur, die formal existiert, aber verstandesmäßig und operativ unterentwickelt bleibt.

Fragmentierung statt strategischer Integration

Ein zentrales Problem ist die fortbestehende Fragmentierung innerhalb Europas. Nationale Interessen, historisch gewachsene sicherheitspolitische Kulturen und institutionelle Passivität verhindern ein gemeinsames Lageverständnis und eine abgestimmte Reaktion auf Bedrohungen. Europa agiert sicherheitspolitisch nicht als Einheit, sondern als Summe einzelner Zuständigkeiten. Hybride Kriegsführung wird zwar gemeinsam erkannt, aber getrennt bekämpft. Dieses Phänomen zeigt sich auch in Deutschland deutlich. Die sicherheitspolitische Landschaft ist hier gleichermaßen fragmentiert. Die föderale Struktur bringt zwar Vorteile in der Dezentralisierung und Flexibilität, führt jedoch auch zu komplexen Abstimmungsprozessen und Kompetenzstreitigkeiten.

Die gefährliche Normalisierung hybrider Aggression

Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat sich der Begriff „New Normal“ tief in das kollektive Bewusstsein eingebrannt. Gemeint war damit eine neue gesellschaftliche Realität, die durch veränderte Lebens-, Arbeits- und Kommunikationsformen geprägt ist. Was ursprünglich als temporäre Anpassung gedacht war, wurde schnell zur dauerhaften Normalität erklärt.

Diese Denkweise, das schnelle Akzeptieren tiefgreifender Veränderungen als gegeben, darf nicht Grundlage sicherheitspolitischer Diskurse werden. Die größte Gefahr hybrider Strategien liegt in ihrer schleichenden Normalisierung. Wenn wiederkehrende Angriffe als unvermeidliche Begleiterscheinung internationaler Politik akzeptiert werden, droht eine sicherheitspolitische Erosion. Hybride Kriegsführung ist kein neues Normal, sondern Ausdruck gezielter Aggression gegen demokratische Ordnungen. Sie muss als solche benannt und aktiv zurückgewiesen werden.

Am Ende der Gewissheiten – warum es eine neue Sicherheitsmentalität braucht

Europa und Deutschland stehen vor einem sicherheitspolitischen Paradigmenwechsel. Hybride Bedrohungen unterlaufen klassische Zuständigkeitslogiken und fordern eine neue Sicherheitsmentalität: vernetzt, interoperabel und präventiv. Sicherheit darf nicht länger als sektorale Aufgabe verstanden werden, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die weit über staatliche Institutionen oder sicherheitsrelevante Organisationen hinausgeht.

In einer zunehmend vernetzten und volatilen Welt, in der Bedrohungen nicht mehr ausschließlich militärischer, sondern auch digitaler, ökonomischer und sozialer Natur sind, wird Sicherheit zu einem kollektiven Gut. Eine resiliente Sicherheitskultur erfordert das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Individuen. Dabei geht es nicht allein um technische Schutzmechanismen, sondern um ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung, Wachsamkeit und Prävention. Es geht auch nicht um die Schaffung neuer Strukturen, sondern um die konsequente Nutzung und Integration bestehender Ressourcen in Echtzeit, mit klaren Zuständigkeiten und verbindlichen Kooperationsmechanismen. Die Wirtschaft ist in diesem Zusammenhang nicht nur Adressat, sondern Akteur nationaler Resilienz.

Sicherheit ist nicht das Gegenteil von Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Wer diese Wahrheit wieder zu denken wagt, legt den Grundstein für eine resiliente Gesellschaft.

Hybride Kriegsführung mit Drohnen zeigt exemplarisch, dass moderne Sicherheitspolitik auf vorausschauende Resilienz angewiesen ist.

Julia Vincke Kriminologin mit langjähriger CSO-Erfahrung
Das aktuelle Handelsblatt Journal
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