Um die Klimaziele einzuhalten, muss der Gebäudebestand in Deutschland bis 2045 saniert und mit nachhaltigen Heizungen ausgestattet werden. Eine wortwörtliche Jahrhundertaufgabe, geht man von der aktuell viel zu niedrigen Sanierungsquote aus. Dabei gäbe es zahlreiche Ansätze, um den Umbau zu beschleunigen. Ein Gastbeitrag von Sabine Nallinger.
Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht – kaum etwas hat das so deutlich gezeigt, wie die Debatte um das Heizungsgesetz im Frühjahr 2023. Die ursprüngliche Idee des Gesetzes war es, dem Gebäudesektor nach Jahren des Stillstands endlich zu mehr CO2-Einsparungen zu verhelfen. Das Ziel: 500.000 Wärmepumpen pro Jahr und eine Erhöhung der Sanierungsquote auf etwa 2,5 Prozent. Rausgekommen ist das Gegenteil. Nach monatelangen Debatten brachen die Wärmepumpen-Förderanträge im ersten Halbjahr um rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein. Die energetische Sanierungsquote fiel Ende 2023 auf ein Allzeittief von 0,7 Prozent. Bei Verbrauchern hinterließ das Heizungsgesetzt tiefe Verunsicherung, Heizungshersteller mussten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken.
Gebäudewende muss 2045 abgeschlossen sein!
Nach Schätzungen des Bundesverbands der deutschen Heizungsindustrie gibt es in Deutschland über 21 Millionen Wärmeerzeuger, von denen mehr als 14 Millionen mit Gas und rund 5 Millionen mit Öl betrieben werden. Gleichzeitig wurden von den rund 19 Millionen deutschen Wohngebäuden ganze 15 Millionen seit ihrer Errichtung nicht oder nur teilweise energetisch saniert. Legt man hier eine Sanierungsquote von 0,7 Prozent an, ist die Gebäudewende nicht nur sprichwörtlich eine Jahrhundertaufgabe. Die Zielmarke für Net-Zero liegt jedoch bei 2045 – auch im Gebäudesektor. Was also tun, um kurzfristig mehr Tempo zu gewinnen?
Wärmenetze könnten bei der Dekarbonisierung helfen, doch die kommunale Wärmeplanung ist erst für 2027 angekündigt. Ob und zu welchen Kosten Hausbesitzer in Zukunft einen Anschluss kriegen können, ist bis auf Weiteres also noch unklar. Umso erfreulicher ist die Nachricht, dass klimaneutrale Heizungen im Neubau bereits weit verbreitet sind. 2023 lag der Wärmepumpen-Anteil bei fertiggestellten Wohngebäuden bei rund 65 Prozent. Der Bestand bleibt jedoch ein Sorgenkind. Hier gilt es von Seiten der Politik mit pragmatischen Lösungen anzusetzen.
Die Lösung: Einfach, aber verlässlich!
Die Technologien zur Dekarbonisierung des Bestands sind bereits vorhanden. Geht es beispielsweise ums Sanieren, können dank Künstlicher Intelligenz und serieller Vorfertigung mittlerweile ganze Straßenzüge im Eiltempo erneuert werden. Damit derartige Lösungen jedoch auch in der Breite zur Anwendung kommen, braucht es einen beständigen und einfachen Förderrahmen. Klingt trivial, doch die aktuelle Förderkulisse von Bund, Ländern und Kommunen ist kaum zu überblicken. Die Antragsstellung bindet enorme Kapazitäten und nicht selten ändern sich Vorgaben und Förderung noch bevor die Planungsphase abgeschlossen ist. Selbst das lang verhandelte Heizungsgesetz (GEG) wird von manchen Fraktionen im Bundestag schon wieder in Frage gestellt. Aufgrund der daraus resultierenden Unsicherheit schieben viele Haushalte und Unternehmen ihre Sanierungsvorhaben auf Eis. Die stark gestiegenen Zinsen tun ihr übriges.
Was es braucht, um dieser Unsicherheit zu begegnen, sind verbindliche Rahmenbedingungen, die fraktionsübergreifend unterstützt werden. Förderprogramme müssen bis zum Bauabschluss zur Verfügung stehen und die Fördersummen zeitnah ausgezahlt werden. Zusätzlich braucht es schlankere Förderregime, die klare Anreize für klimaneutrale Lösungen geben. In den Kommunen braucht es mehr finanzielle und personelle Ressourcen, um die Wärmeplanung und quartiersweise Sanierungskonzepte schneller umsetzen zu können. Business Case statt Behördenstau. Weiter muss auf Bundesebene eine einheitliche Musterbauordnung erlassen werden, von der nur in begründeten Einzelfällen abgewichen wird. Auf diese Weise ließe sich eine Skalierung von Sanierungsprozessen erreichen, mit der die Ziele im Gebäudesektor wieder näher rücken können. Die derzeitige Perspektive von einer einhundertjährigen Gebäudewende ist dagegen nicht akzeptabel.
Sabine Nallinger ist Vorständin der Stiftung KlimaWirtschaft. Die Stiftung KlimaWirtschaft versteht sich als Treiberin einer klimaneutralen Wirtschaft in Deutschland.