Menschen können nur dann eigenverantwortlich finanzielle Entscheidungen treffen, wenn sie die grundlegenden Zusammenhänge verstehen. Wissen über Inflation, Zinsen, Kapitalmärkte und langfristigen Vermögensaufbau ist keine Spezialkenntnis für wenige, sondern eine wichtige Grundlage für wirtschaftliche Teilhabe und persönliche Freiheit aller. Eine der wichtigsten Bürgerpflichten ist die Teilnahme an Wahlen. Das bedeutet Ideen, Parteien, Programmen und Haushaltsentwürfen eine Stimme zu geben! Dabei müssen Bürgerinnen und Bürger mündig sein, Inhalte, Kohärenz und Konsistenz der vorgeschlagenen Programme und anschließenden Maßnahmen verstehen, einordnen und bewerten können.
Sparen allein reicht nicht aus
Deutschland befindet sich in einer soliden Ausgangsposition – aber es besteht Handlungsbedarf. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeitet in ihrer Studie „Finanzbildung in Deutschland“ aus dem Jahr 2024 fünf Bereiche der Finanzkompetenz heraus, in denen mehr Wissen vermittelt und Kompetenzen gestärkt werden müssen. Defizite bestehen zum Beispiel bei der Beteiligung am Kapitalmarkt, der sicheren Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen und beim Thema langfristiges Sparen und Altersvorsorge. Eine Studie der Börse Stuttgart von diesem Jahr zeigt zudem: Auch wenn sich insgesamt viele Menschen bei Finanzthemen gut informiert fühlen, gibt es eine Generationenlücke und Geschlechterunterschiede. Das bedeutet: Jüngere Menschen und Frauen schätzen ihr Wissen im Vergleich zur Gesamtheit der Befragten geringer ein.
Das Wissensdefizit hat ganz konkrete Folgen. Seit ich in Deutschland arbeite, beeindruckt mich die ausgeprägte Kultur des Sparens. Doch Sparen und finanzielle Vorsorge sind nicht dasselbe. In einer Zeit von Inflation, demografischem Wandel und tiefgreifenden Veränderungen unserer Alterssicherung reicht es nicht mehr, Geld zurückzulegen. Menschen müssen verstehen können, was mit ihrem Geld über Jahrzehnte geschieht. Und sie müssen beurteilen können, welches Finanzprodukt zu ihrer individuellen Lebenssituation passt.
Finanzbildung muss Menschen befähigen, konkrete Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft zu treffen. Dafür braucht es verständliche Informationen, einfache Produkte und verlässliche Beratung. Noch nie waren Finanzinformationen so leicht verfügbar wie heute. Gleichzeitig war es wohl noch nie so schwierig, zwischen Information, Vereinfachung und interessengeleiteter Empfehlung zu unterscheiden. Ich schaue beispielsweise eher skeptisch auf die zahlreichen Influencerinnen und Influencer auf Social Media.
In Frankreich gibt es seit zehn Jahren eine nationale Strategie für Finanzbildung. Die Education économique, budgétaire et financière (Educfi) umfasst Programme für Schulen und Zielgruppen wie Seniorinnen und Senioren sowie Geringverdienerinnen und -verdiener. In Deutschland dagegen fehlt ein solches Konzept. Ich freue mich also auf die Initiative der Bundesbank, dem französischem Vorbild zu Folgen – mit Fokus auf Schulen, Prävention und digitale Angebote.
Finanzbildung ist mehr als Verbraucherbildung
Ein Educfiähnliches Programm in Deutschland zu etablieren, wäre ein wichtiger Schritt, denn wir müssen gesamtgesellschaftlich die Finanzbildung stärken – und zwar möglichst früh. Der verantwortungsvolle Umgang mit Geld sollte ein selbstverständlicher Bestandteil der Bildung junger Menschen sein. Wer bereits in der Schule lernt, wie finanzielle Entscheidungen wirken, schafft eine wichtige Grundlage für die Zukunft. Denn wer Zins und Zinseszins, Inflation oder demografische Entwicklungen versteht, kann nicht nur bessere Anlageentscheidungen treffen. Sie und er kann auch politische Versprechen über Rente, Staatsausgaben oder soziale Sicherungssysteme besser einordnen. Finanzbildung ist deshalb nicht allein eine Frage individueller Vorsorge. Sie ist Teil wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Mündigkeit. Sie stärkt unsere Demokratie.
Als Bank übernehmen wir Verantwortung: Die TARGOBANK Stiftung etwa engagiert sich seit 2003 mit dem Projekt „Fit für die Wirtschaft“ für die finanzielle Bildung kommender Generationen. Das moderne, modulare Unterrichtskonzept für Schülerinnen und Schüler sensibilisiert junge Menschen praxisnah für Finanzthemen und gibt Orientierung im Umgang mit Geld.
Zusätzlich zu Finanzwissen brauchen Kundinnen und Kunden Zugang zu einfachen und verständlichen Produkten. Finanzielle Vorsorge darf nicht an komplizierten Strukturen oder fehlender Transparenz scheitern. Das angekündigte Altersvorsorgedepot der Bundesregierung ist ein wichtiger Schritt. Es kann dazu beitragen, mehr Menschen den Zugang zu einer kapitalmarktgestützten Altersvorsorge zu erleichtern.
Finanzwissen ist für Frauen noch wichtiger
Laut Statistischem Bundesamt sind Frauen im Ruhestand deutlich häufiger von Armut betroffen als Männer. Dies gilt für alle Altersgruppen, wobei die Differenz mit zunehmendem Alter größer wird. In der Altersgruppe 65+ lag die Armutsgefährdungsquote von Frauen 2025 bei 21,3 Prozent, während sie bei Männern desselben Alters 17,3 Prozent betrug. Bei Seniorinnen ab 75 Jahren stieg die Quote sogar auf 21,3 Prozent, während sie bei Senioren dieser Altersgruppe bei 15,8 Prozent lag.
Die Ursachen für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede sind vielfältig: Frauen – insbesondere ab dem 30. Lebensjahr und auch im höheren Alter – sind seltener erwerbstätig oder verdienen weniger. Dadurch erwerben sie geringere Rentenansprüche und verfügen seltener über ein (zusätzliches) Einkommen aus Erwerbstätigkeit in den späteren Lebensjahren.
Mädchen und junge Frauen müssen sich dieser Problematik bewusst sein. Mehr denn je, sollten sie sich frühzeitig Gedanken über ein finanziell abgesichertes Leben machen – um spätere Einschränkungen durch mangelnde finanzielle Ressourcen zu vermeiden.
Kompetenz der Banken ist gefragt
Die Verantwortung für konkrete Vorsorgeangebote fordert auch uns Banken. Als Universalbank begleitet die TARGOBANK Kundinnen und Kunden in allen finanziellen Fragen und in allen Lebensphasen. Wir denken langfristig, wollen ein lebenslanger Begleiter sein, leistungsstark und auf Augenhöhe. Unsere Aufgabe ist es auch, unseren Kundinnen und Kunden Orientierung zu geben und gemeinsam passende finanzielle Lösungen zu entwickeln. Der direkte Kontakt ist die beste Basis, um die Anforderungen und Bedürfnisse der Menschen zu verstehen und die Weiterentwicklung der privaten Altersvorsorge aktiv zu begleiten – auch im Austausch in unseren Filialen.
Eine erfolgreiche Altersvorsorge braucht aber mehr als ein neues Produkt. Sie braucht vor allem Wissen, verständliche Lösungen und Vertrauen. Eine Gesellschaft, die Eigenverantwortung von ihren Bürgerinnen und Bürgern erwartet, muss ihnen auch das Wissen vermitteln, diese Verantwortung wahrnehmen zu können. Das gilt für die Altersvorsorge ebenso wie für viele andere finanzielle
Entscheidungen. Deshalb beginnt die Debatte über die Zukunft unserer Altersvorsorge für mich nicht mit der Frage nach dem nächsten Produkt. Sie beginnt mit einer viel grundsätzlicheren Frage: Verstehen Menschen ihre finanziellen Möglichkeiten gut genug, um ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können?