Europa muss wieder lernen, in sich selbst zu investieren

Warum Europas Wettbewerbsfähigkeit nicht am Kapital scheitert, sondern an seiner Mobilisierung.

Europa erlebt einen historischen Moment. Der Krieg in der Ukraine, geopolitische Spannungen, die industrielle Transformation, künstliche Intelligenz – von generativer bis hin zu zunehmend agentischer KI -, die voranschreitende Alterung der Bevölkerung und die Folgen des Klimawandels stellen unseren Kontinent gleichzeitig vor Aufgaben, die noch vor wenigen Jahren getrennt voneinander diskutiert wurden. Heute haben sie einen gemeinsamen Nenner: Sie verlangen enorme Investitionen.

Die Waldbrände dieses Sommers in Frankreich, Spanien und Griechenland haben erneut gezeigt, dass Klimawandel keine abstrakte Zukunftsfrage mehr ist. Gleichzeitig entscheidet sich in diesen Jahren, ob Europa bei Zukunftstechnologien den Anschluss hält, seine industrielle Basis modernisiert und seine wirtschaftliche Souveränität behauptet.

Die öffentliche Debatte konzentriert sich dabei häufig auf die Frage, woher das notwendige Kapital kommen soll. Ich glaube, das ist die falsche Frage. Europa fehlt nicht das Kapital, sondern die Fähigkeit, es schneller und entschlossener für die eigene Zukunft zu mobilisieren. Gerade darin liegt für mich die eigentliche wirtschaftspolitische Herausforderung der kommenden Jahre.

Die Mobilisierungslücke

Europa sollte sich seiner Stärke besser bewusst werden: eine Wirtschaft von 22 Billionen Dollar, ein Binnenmarkt mit fast einer halben Milliarde Menschen. Europa verfügt über enorme private Ersparnisse, leistungsfähige Banken, innovative Unternehmen und einen weltweit einzigartigen industriellen Kern. Dennoch investieren wir zu wenig in uns selbst. Zwischen Ersparnis und Investition liegt eine Lücke – keine Kapitallücke, sondern eine Mobilisierungslücke. Deshalb sollten wir künftig weniger über Kapitalmangel sprechen und stärker über Kapitalmobilisierung. Der Draghi-Bericht von 2024 beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf Europas auf rund 700 bis 800 Milliarden Euro jährlich. Diese Größenordnung zeigt, wie groß die Aufgabe ist, wenn Europa gegenüber den USA und China technologisch, industriell und wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben will.

In meinen beiden bisherigen Beiträgen habe ich dafür geworben, Transformation als Finanzierungsaufgabe und Wandel als Gestaltungsaufgabe zu verstehen. Heute möchte ich diesen Gedanken weiterführen: Die nächste Phase europäischer Integration wird sich daran entscheiden, ob wir Kapital schneller dorthin lenken können, wo Innovation entsteht, Unternehmen wachsen und gesellschaftlicher Fortschritt möglich wird. Das ist weit mehr als eine finanzpolitische Debatte, nämlich eine Frage von europäischer Souveränität.

Die Kommission setzt wichtige Impulse

Die Europäische Kommission hat mit ihren jüngsten Vorschlägen zur Stärkung des europäischen Bankensektors einen wichtigen Impuls gesetzt. Die Vollendung der Bankenunion und der Aufbau einer Savings and Investments Union können dazu beitragen, Kapital innerhalb Europas effizienter einzusetzen und grenzüberschreitende Investitionen zu erleichtern. Das begrüße ich und teile die Einschätzung von Christian Sewing, dass Europa wettbewerbsfähigere Banken braucht. Wettbewerbsfähigkeit ist jedoch kein Ziel an sich. Sie entscheidet darüber, ob Europa die finanziellen Voraussetzungen schafft, um Innovationen hervorzubringen, Infrastruktur zu modernisieren und die Transformation seiner Wirtschaft zu finanzieren. Genau deshalb sollten wir die aktuelle Diskussion nicht allein auf Regulierung konzentrieren.

Auch die jüngste Konsultation der Europäischen Kommission zur Wettbewerbsfähigkeit des Bankensektors weist in dieselbe Richtung: Europa muss regulatorische Komplexität reduzieren, grenzüberschreitendes Geschäft erleichtern und Banken ausreichend Spielraum geben, um Wachstum und Investitionen zu finanzieren. Diese Diskussion ist notwendig. Sie darf aber nicht bei regulatorischen Detailfragen stehen bleiben.

Unsere Verantwortung

Politik schafft den Rahmen. Investitionen entstehen jedoch dort, wo Kapital auf unternehmerische Ideen trifft. Und damit sind auch wir Banken gefragt. Natürlich braucht Europa einen besser integrierten Finanzmarkt. Natürlich müssen regulatorische Hürden überprüft werden. Und selbstverständlich gehören Bankenunion und Savings and Investments Union zusammen. Aber wir sollten nicht den Eindruck erwecken, als beginne europäische Wettbewerbsfähigkeit erst mit dem nächsten Gesetzgebungspaket. Sie beginnt in den Entscheidungen, die Banken jeden Tag treffen.

Banken finanzieren nicht nur Investitionen, sie entscheiden mit darüber, welche Technologien entstehen, welche Unternehmen wachsen und wie schnell sich Volkswirtschaften verändern können. Damit tragen Banken Verantwortung weit über ihre eigene Bilanz hinaus. Gerade der Klimawandel macht das deutlich.

Die wirtschaftlichen Folgen extremer Wetterereignisse betreffen heute Unternehmen ebenso wie Kommunen, Landwirtschaft, Versicherungen und öffentliche Haushalte. Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht allein darin, Risiken präziser zu bewerten. Sie besteht ebenso darin, den Wandel zu finanzieren, der diese Risiken verringert. Kapital erfüllt seinen Zweck nicht dadurch, dass es existiert, sondern dann, wenn daraus Fortschritt entsteht.

Nicht abwarten, langfristig denken

Das genossenschaftliche Selbstverständnis der Crédit Mutuel Alliance Fédérale hat diesen Gedanken seit jeher geprägt. Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Nutzen sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander. Banken verwalten deshalb nicht nur Kapital. Sie verwalten Vertrauen – und die Verantwortung, dieses Vertrauen produktiv einzusetzen. Europa muss wieder stärker in Europa investieren – diese Überzeugung prägt auch unseren Weg in Deutschland.

Mit der Integration der OLB entsteht nicht einfach eine größere deutsche Bank. Mit der Integration der OLB entsteht nicht einfach eine größere deutsche Bank. Wir verbinden die Stärken von TARGOBANK und OLB mit den Möglichkeiten der Crédit Mutuel Alliance Fédérale – einer der größten und kapitalstärksten Bankengruppen Europas. Uns geht es nicht um die Addition zweier Institute. Uns geht es darum, deutsche Kundinnen und Kunden in ein europäisches Leistungsversprechen einzubinden.

Für mittelständische Unternehmen eröffnet sich damit der Zugang zu den Kompetenzen einer europäischen Universalbank – von internationaler Unternehmensfinanzierung über Bancassurance bis hin zur Begleitung großer Transformations-, Energie- und Infrastrukturprojekte. Europäische Integration wird hier nicht politisch beschlossen, sondern gelebt.

Vielfalt der Modelle als Chance

Europa muss nicht überall dieselben Bankmodelle schaffen. Deutschlands Drei-Säulen-System, die genossenschaftlichen Gruppen Frankreichs oder andere nationale Strukturen haben sich unterschiedlich entwickelt. Diese Vielfalt ist keine Schwäche. Sie macht Europa widerstandsfähig.

Aber Vielfalt darf nicht länger Fragmentierung bedeuten. Wir sollten unsere jeweiligen Stärken künftig viel konsequenter europäisch verbinden. Gerade darin liegt die eigentliche Chance der Bankenunion und der Savings and Investments Union. Beide sind kein Selbstzweck, sondern schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Kapital freier fließen, Banken ihre europäische Reichweite besser nutzen und Unternehmen leichter über nationale Grenzen hinweg wachsen können. Diese Entwicklung ist überfällig.

Europa hat über viele Jahre eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Vermögen aufzubauen. Jetzt müssen wir dieselbe Entschlossenheit entwickeln, dieses Vermögen produktiv für unsere eigene Zukunft einzusetzen.

Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht allein durch Regulierung, Subventionen oder industriepolitische Programme. Sie entsteht dort, wo Unternehmen investieren, Innovationen finanzieren und Menschen den Mut haben, Neues aufzubauen. Wir Banken spielen dabei eine Schlüsselrolle. Nicht, weil wir jede Investition selbst finanzieren, sondern weil wir privates Kapital mit unternehmerischen Ideen verbinden. Wir schaffen Vertrauen, ermöglichen langfristige Entscheidungen und begleiten Transformation über viele Jahre und Jahrzehnte.

Kapitalmobilisierung jetzt

Kapitalmobilisierung ist deshalb weit mehr als ein finanzpolitischer Begriff, sie beschreibt die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, ihre eigenen Stärken in Zukunft umzusetzen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe der nächsten europäischen Integrationsphase. Nicht mehr Kapital zu schaffen, sondern das vorhandene Kapital entschlossener für Europa arbeiten zu lassen.

Ich wünsche mir, dass wir die Diskussion über Bankenunion und Savings and Investments Union künftig weniger als regulatorisches und mehr als wirtschaftliches und gesellschaftliches Projekt verstehen. Denn Europas Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie viele Regeln wir verabschieden oder Strategien veröffentlichen. Sie entscheidet sich daran, ob wir bereit sind, wieder stärker in Europa selbst zu investieren – und unser Kapital entschlossener für unsere eigene Zukunft zu mobilisieren.