Simon Kühne: Herr Schneider, was erwarten Sie bezüglich der Digital-Asset-Adoption durch EU-Banken – basierend auf den Erfahrungen aus der Schweiz?
Simon Schneider: Mit dem vollständigen Inkrafttreten von MiCAR Ende 2024 wurde ein harmonisierter Rechtsrahmen geschaffen für Krypto Dienstleistungen im europäischen Markt. Dies schafft mehr Rechtssicherheit im Umgang mit Krypto und kann dadurch Innovation fördern. In der Schweiz ist dieser Schritt bereits 2021 erfolgt – mit dem DLT-Gesetz, dem sogenannten „Blockchain-Gesetz“.
Regulatorische Klarheit kombiniert mit einem innovationsfreundlichen Umfeld und der Bereitschaft etablierter Finanzinstitute, neue Geschäftsmodelle zu testen, waren wichtige Faktoren für die Marktadaption in der Schweiz. Sie haben dazu geführt, dass nach unseren eigenen Recherchen per 2026 rund 75% Prozent der größten Schweizer Banken ein Digital-Asset-Angebot haben oder konkret daran arbeiten. Deshalb erwarten wir, dass Europa mit MiCAR einen ähnlichen Entwicklungspfad einschlägt und digitale Assets bis 2030 zum festen Bestandteil des Bankangebots werden könnten.
Simon Kühne: Wie setzen Banken in der EU Digital Assets, insbesondere Krypto-Assets, konkret um?
Simon Schneider: Banken haben grundsätzlich zwei Wege. Entweder bauen sie das Angebot vollständig selbst auf, oder sie arbeiten mit einem regulierten Partner wie Sygnum Europe zusammen.
Der Eigenaufbau bedeutet: eigene Verwahrinfrastruktur, eigene Handelsanbindung, ein dediziertes Compliance- und Risikoframework sowie spezialisiertes Personal. Das ist kapitalintensiv, dauert in der Regel mehrere Jahre und bindet erhebliche regulatorische und operationelle Ressourcen – Ressourcen, die im Kerngeschäft fehlen.
Über einen spezialisierten Partner verkürzt sich die Time-to-Market dagegen von Jahren auf wenige Monate. Die Bank greift auf eine bereits regulierte, auditierte und produktiv
erprobte Plattform zu, integriert das Angebot im eigenen Namen in ihre bestehenden Kanäle und behält dabei die Kundenbeziehung in der eigenen Hand. Die operationelle Komplexität für die Bank kann sich durch die Einbindung eines spezialisierten Anbieters, der diese Prozesse täglich verantwortet, gesenkt werden. Gerade in einem Markt im Frühstadium, in dem die ersten fünf Jahre über Marktanteile entscheiden können, ist Geschwindigkeit ein eigenständiger Wettbewerbsvorteil. Wer früh und reguliert am Markt ist, besetzt die Kundenbeziehung, bevor es andere tun.
„Über einen etablierten Partner verkürzt sich die Time-to-Market von Jahren auf wenige Monate – und die Bank behält die Kundenbeziehung in der eigenen Hand.“
Simon Schneider, CEO Sygnum Europe (SEAG)
Simon Kühne: Was für Dienstleistungen bieten Banken ihren Endkunden typischerweise an?
Simon Schneider: Der Einstieg erfolgt fast immer über zwei Bausteine: Trading und Custody – also Kauf und Verkauf der gängigen Krypto-Assets und deren sichere Verwahrung. Das deckt die unmittelbare Kundennachfrage ab und ist regulatorisch wie operationell gut beherrschbar.
Auf dieser Basis wird das Angebot dann schrittweise ausgebaut: Staking, mit dem Kunden Erträge auf ihre Bestände erwirtschaften können; Digital-Asset-Transfers, also das Ein- und Auszahlen von Krypto-Assets auf externe Adressen; Tokenisierung, etwa von Fonds, strukturierten Produkten oder anderen Vermögenswerten; und schliesslich die Integration digitaler Assets in bestehende Wealth-Management-Angebote. So entsteht aus einem einfachen Trading- und Verwahrangebot über die Zeit eine vollwertige Digital-Asset-Wertschöpfungskette – idealerweise über eine einzige Integration, sodass jeder zusätzliche Baustein ohne neues Projekt ausgerollt werden kann.
Simon Kühne: Wieso bieten Banken überhaupt Digital Assets an?
Simon Schneider: Es gibt nicht den einen Grund, sondern ein Bündel sich verstärkender Treiber.
An erster Stelle steht die Kundennachfrage – sie ist bei Privat- wie institutionellen Kunden längst da und wächst weiter. Hinzu kommen attraktive Zusatzertrags-Potenziale: aus dem Trading, aus der Verwahrung, aus dem FX-Geschäft, weil Kunden ihre Vermögen in EUR halten, Digital Assets aber typischerweise in USD kaufen, sowie aus Staking-Erträgen.
Mindestens ebenso wichtig ist die defensive Logik: Banken wollen verhindern, dass Assets under Custody zu unregulierten Handelsplätzen oder zu Krypto-nativen Neobanken abfliessen. Wer kein Angebot hat, kann diese Volumina verlieren – und mit ihnen oft auch die relevanten Teile einer Kundenbeziehung. Schließlich geht es um die nächste Generation von Bankkunden, für die ein Digital-Asset-Angebot vermehrt relevant sein wird, und um die strategische Positionierung: Banken wollen „future ready“ sein für die Adaption von Stablecoins und perspektivisch CBDCs. Ein Digital-Asset-Angebot ist damit weniger eine Wette auf Krypto als eine Investition in die eigene Anschlussfähigkeit.
Simon Kühne: Was passiert mit Banken, die diese Entwicklung ignorieren?
Simon Schneider: Ich glaube, dass jede Bank eine Strategie für digitale Assets benötigen wird. Das bedeutet nicht, dass jedes Institut einen eigenen Handelsplatz betreiben muss. Aber die Kundennachfrage entwickelt sich weiter, insbesondere bei vermögenden Privatkunden und institutionellen Investoren. Wer sich gar nicht mit dem Thema beschäftigt, riskiert mittelfristig Wettbewerbsnachteile.
Simon Kühne: Was macht SEAG zum richtigen Partner für eine europäische Bank, die heute startet?
Simon Schneider: Sygnum Europe bringt drei Dinge zusammen, die selten in einer Hand liegen. Erstens ein in der Schweiz seit Jahren produktiv erprobtes B2B-Modell mit über 25 Bankkunden: Unser Mutterhaus Sygnum Bank bedient Banken seit 2019 Bank-zu-Bank und kennt die Anforderungen einer regulierten Finanzinstitution aus der Praxis – von der Anbindung über das Reporting bis zur Revision. Diese Erfahrungen kommt uns bei SEAG zugute. Zweitens den passenden europäischen Rahmen: Über unsere lizenzierte Einheit in Liechtenstein bewegen wir uns innerhalb von MiCAR und passportieren in die 30 EU- und EWR-Märkte. Drittens ein konsequent als B2B konzipiertes, API-first, White-Label-fähiges Angebot: Wir treten nicht in Konkurrenz zur Endkundenbeziehung der Bank, sondern liefern die regulierte Infrastruktur dahinter. Die Erfahrungen der Sygnum Bank in der Schweiz haben gezeigt, dass nicht die Bank mit der grössten internen Krypto-Abteilung gewinnt, sondern die, die früh, reguliert und mit überschaubarem Risiko am Markt ist. SEAG bringt dieses Modell nun nach Europa – zum Zeitpunkt, an dem die Adoptionskurve dort gerade ansetzt.