Erfolg mit agentischer KI: Der Mensch im Mittelpunkt

Im Bereich künstlicher Intelligenz (KI) gibt es jedes Jahr eine neue Technologie, welche die Welt in Atem hält. Nach generativer KI ist es jetzt agentische KI. Damit sind Multi-Agenten-Systeme gemeint, die nicht nur spezifische Aufgaben erledigen, sondern miteinander interagieren, Entscheidungen treffen und auch Geschäftsprozesse autonom von Anfang bis Ende abwickeln können.

Der Einsatz agentischer KI hat enormes Potenzial, er kann den Fachkräftemangel abfedern oder autonom die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften überwachen. Laut einer aktuellen Capgemini-Studie mit Teilnehmenden aus 14 Ländern* könnte die Technologie bis 2028 in den Unternehmen der Befragten Mehrwert in Höhe von 450 Milliarden US-Dollar generieren, entweder durch Kostensenkungen oder Umsatzerhöhungen.

Dementsprechend ist das Interesse groß, die Potenziale zu heben, sowohl weltweit als auch in Deutschland. Hierzulande haben etwas mehr als 30 Prozent Pilotprojekte gestartet und circa jeder Zehnte arbeitet bereits mit agentischer KI.

Risiken mitigieren, Fachabteilungen aktivieren

Das Vertrauen in die Ergebnisse von Multi-Agenten-Systemen hat allerdings abgenommen: Waren im Juni 2024 noch 55 Prozent der Befragten aus Deutschland davon überzeugt, dass ihre Systeme alle Aufgaben richtig und den Vorgaben entsprechend erledigen, waren es im April 2025 nur noch 22 Prozent. Das Nachlassen der anfänglichen Begeisterung ist kein neues Phänomen. Interessant sind in diesem Zusammenhang aber zwei Fakten: Erstens ist das Vertrauen derjenigen, die bereits implementieren, höher als das derjenigen, die sich erst in der Pilotphase befinden. Und zweitens investieren besonders deutsche Unternehmen erstaunlich wenig, um die von ihnen ausgemachten Risiken in den Bereichen Datenschutz, Transparenz und Sicherheit zu mitigieren.

Damit verspielen sie möglicherweise das Vertrauen ihrer Mitarbeitenden in agentische KI. Ohnehin sind viele Mitarbeitende angesichts möglicher Veränderungen ihrer beruflichen Rolle verunsichert und begegnen Pilotprojekten daher mit Zurückhaltung. Dabei ist es das wertvolle Wissen der Fachexperten in ihren Geschäftsprozessen, das für die Sicherstellung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit und leistungsfähige KI-Systeme erfolgskritisch ist.

Unternehmen können mit agentischer KI nicht nur dasselbe effizienter tun, sondern völlig neue (intelligente) Produkte und Dienstleistungen entwickeln.

Daniela RittmeierHead of Generative AI Accelerator, Capgemini

Innovations- statt reiner Effizienzprogramme

Darüber hinaus beunruhigen mich die aktuellen Investitionsstrategien. Aufgrund der wirtschaftlichen Herausforderungen sowie der Volatilitäten am Markt liegt der Fokus auf Effizienzprogrammen zur Profitabilitätssteigerung der klassischen Geschäftsprozesse. Mutige Investitionen in datengetriebene Innovationen oder neue KI-Geschäftsmodelle sind schwer zu finden. Unternehmen können mit agentischer KI aber nicht nur dasselbe effizienter tun, sondern auch völlig neue (intelligente) Produkte und Dienstleistungen entwickeln. So könnten sie anstatt kurzfristiger Kostenvorteile langfristig Wettbewerbsvorteile generieren!

Um das zu erreichen, benötigen sie das Know-how der Fachexperten. Diese müssen in die Lage versetzt werden, KI zu verstehen, zu nutzen und die Einsatzszenarien weiterzuentwickeln — und, nicht zu vergessen, die Ergebnisse von Multi-Agenten-Systemen zu validieren. Denn die Studie ergab, dass die Kontrolle agentischer KI durch Menschen so viele Vorteile hat, dass sie die Kosten überwiegen.

Erfolgsfaktor Skalierung

Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor ist Skalierung. Wer Multi-Agenten-Systeme entlang der gesamten Wertschöpfungskette einsetzt, kann in den kommenden drei Jahren im Schnitt Mehrwert in der Höhe von 2,5 Prozent des jährlichen Umsatzes generieren. Bereit für die Skalierung sind allerdings erst wenige Unternehmen: Weltweit haben es bislang nur 2 Prozent geschafft, in Deutschland war es im April 2025 laut der Umfrage kein Unternehmen.

Bei der erfolgreichen Nutzung agentischer KI geht es also in erster Linie um Menschen, nicht um Technologie. Es gilt, in interdisziplinären Teams Lösungen zu entwickeln, die zuverlässig arbeiten, intuitiv zu nutzen sind und nachvollziehbare Ergebnisse generieren. Der Erfolg hängt davon ab, ob der Mensch im Zentrum steht. Dann wird KI im Sinne des Menschen arbeiten und Unternehmen werden ihr Potenzial nachhaltig ausschöpfen können.

Zu unserer Agentic AI-Studie 07/2025:

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