Energiewende muss international überzeugen und den Industriestandort stützen

Deutschland soll Industrieland bleiben und klimaneutral werden – mit dieser ausgewogenen Zielsetzung ist die neue Bundesregierung gestartet. Und das ist zwingend nötig, da der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit über Jahre in vielen Dimensionen nicht erst seit dem Draghi-Bericht und der BDI-Transformationspfadestudie mit Händen zu greifen ist. Gelingt diese Verbindung nicht, scheitert die Energiewende nicht nur bei uns, sondern kann auch Auswirkungen auf die Transformation in vielen anderen Staaten haben.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom 28.08.2025

Die Überzeugungskraft der deutschen Energiewende im Rest der Welt hat der Weltenergierat erst kürzlich wieder im Rahmen einer globalen Umfrage breit abgefragt. Ergebnis: Die ausländische Skepsis gegenüber unserem Weg ist in den letzten Jahren der Stagnation gewachsen, gerade innerhalb Europas. Dort wird zudem vor allem eine engere Abstimmung Deutschlands mit seinen Nachbarstaaten vermisst.

Global ist die Vielfalt der Energiewenden noch größer: Chinas vor allem industriepolitisch forcierte ehrgeizige Elektrifizierungsstrategie auf Basis von Kohle und Erneuerbaren hat dazu geführt, dass sein Stromverbrauch heute mehr als doppelt so hoch liegt, wie derjenige der USA, und das Land für die wichtigsten Transformationstechnologien inzwischen globale Marktanteile von rund 70 Prozent hält. Umgekehrt haben sich die USA von ambitionierten Klimaschutz weiter entfernt und nutzen konsequent den Vorteil billigen heimischen Erdgases. So verbrauchen sie inzwischen doppelt so viel Gas wie China und drängen auch politisch auf den Ausbau ihrer führenden Rolle als weltgrößter Gasexporteur.

Wie kann eine erfolgreiche Transformationsstrategie für uns aussehen?

Zunächst müssen angesichts der im internationalen Vergleich hohen Energiekosten alle Effizienzreserven im Energiesystem konsequenter erschlossen werden. Der Ausbau von Netzen und Erneuerbaren muss gegenüber der Vergangenheit beschleunigt, aber zugleich auch enger mit dem Stromverbrauch synchronisiert werden, der sich langsamer entwickelt, als in der staatlichen Planung zunächst erwartet. Andernfalls würden die wachsenden Systemkosten den Stromverbrauch in der Industrie abwürgen und die nötige Elektrifizierung auch vieler weiterer Bereiche behindern.

Aufgrund der glücklicherweise inzwischen deutlichen beschleunigten Genehmigungszeiten bei den Netzen kann sich die Planung stärker auf die kommende Dekade fokussieren, statt langfristige Zielszenarien immer wieder an eine neue Realität anpassen zu müssen. Insofern ist das erwartete Energiewende-Monitoring der Bundesregierung ein wesentlicher Baustein weiterer energiepolitischer Entscheidungen.

Da das nicht ausreicht, müssen kurzfristig Verbraucher von Energiekosten gezielt entlastet werden – so, wie die Regierung das mit Netzentgeltzuschüssen, der Verstetigung der bestehenden Stromsteuerentlastungen, der Ausweitung der Strompreiskompensation und einem gezielten Industriestrompreisinstrument plant.

Moleküle für den Klimaschutz

Zugleich gilt es, die Molekülwende voranzubringen. Auch wenn in Wasserstoffkreisen etwas Ernüchterung angesichts des Hochlauftempos eingetreten ist, werden die deutschen Klimaneutralitätsziele nicht ohne klimafreundlich erzeugte Moleküle und ohne Negativemissionen erreicht werden können.

Hier könnte im Herbst die erwartete Entscheidung der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) für eine interne CO₂-Bepreisung von Schiffstreibstoffen mit einer Förderperspektive für klimafreundlich erzeugtes Methanol bzw. Ammoniak dem Wasserstoffhochlauf einen Vertrauensschub geben. Denn ein solches globales Sektorabkommen könnte bei entsprechend strengen Durchsetzungsbestimmungen dann beispielgebend für andere Sektoren und Leitmärkte sein. Dies wäre ein wichtiges Signal für die noch junge Branche, die nicht zuletzt weiter unter den strengen Kriterien der Europäischen Kommission für die Zertifizierung von grünem und blauem Wasserstoff leidet.

Bewegung sollte zudem in das Thema „Carbon Management“ kommen, wenn noch in diesem Jahr die rechtlichen Voraussetzungen für den Transport und die Speicherung von CO₂ gegeben sein werden. Denn eine Reihe von Projekten wartet auf diese überfälligen Regelungen wie auch auf die zweite Runde der Klimaschutzverträge als staatlichem Anschubinstrument. In Ländern wie Dänemark, den Niederlanden, Belgien oder Norwegen arbeiten Regierungen und Industrie schon länger eng zusammen an Geschäftsmodellen für diese kapitalintensiven Infrastrukturen und werben gemeinsam im Ausland für ihre Nutzung. Und auch klimapolitisch ist klar, dass die Speicherung von CO₂ nicht nur für schwer vermeidbare Emissionen in der Industrie, sondern auch für den Ausgleich von Restemissionen beispielsweise in der Landwirtschaft dringend benötigt wird. In logischer Konsequenz sollten wir daher zudem die Nutzung von internationalen CO₂-Entnahmenprojekten unterstützen und einen Mechanismus entwerfen, wie diese minimal- invasiv in den europäischen Emissionshandel integriert werden können.

Die richtige Balance finden

Energiepolitisch sind also kurzfristig eine Reihe von positiven Ansatzpunkten erkennbar, die nun zügig mit Brüssel geeint und konsequent umgesetzt werden müssen. Wenn das pragmatisch und in einem Geist gegenseitigen Vertrauens geschieht, wird das helfen, die Transformationsanstrengungen zu bewältigen. Längerfristig setzt eine Energiewendepolitik in geopolitisch herausfordernden Zeiten voraus, dass wir das vom Weltenergierat einst so benannte „Energy Trilemma“ aus Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz immer wieder richtig ausbalancieren. Fallen wir jedoch wirtschaftlich weiter zurück, wird unser Ansatz auch international nicht überzeugen können.

Fallen wir wirtschaftlich weiter zurück, wird unser Ansatz auch international nicht überzeugen können.

Dr. Carsten RolleGeschäftsführer, Weltenergierat und Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik, BDI
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