Ende des Refinanzierungskarussell

Die Zeiten, in denen Unternehmen sich scheinbar mühelos von einer Refinanzierungsrunde zur nächsten hangeln konnten, scheinen vorerst vorbei zu sein. Das Refinanzierungskarussell, das jahrelang von niedrigen Zinsen, hoher Liquidität und einem florierenden M&A-Markt angetrieben wurde, gerät ins Stocken. Doch was sind die Ursachen für diese Entwicklung, welche Branchen sind besonders betroffen, und welche neuen Wege eröffnen sich für Unternehmen und ihre Finanzierer?

Verändertes Umfeld: Wer bleibt, wer springt ab?

Das Umfeld für (Re-)Finanzierungen hat sich grundlegend gewandelt. Steigende Zinsen, volatile Märkte und eine wachsende Planungsunsicherheit setzen Unternehmen und ihre Finanzierer unter Druck. Während sich in stabilen Branchen wie Infrastruktur oder Energie das Karussell noch weiterdreht, suchen Finanzierer in zyklischen oder stark von Transformation betroffenen Sektoren wie Automotive, Chemie, Handel oder Maschinenbau zunehmend nach dem Absprung. Umgekehrt gilt: Hier ist die Bereitschaft, sich auf neue Finanzierungsmodelle oder neue Finanzierungspartnerschaften einzulassen, besonders hoch. Innovative Finanzierungsinstrumente wie bspw. ein Nordic Bond oder Direct Lending oder bewährte Alternativen wie etwa Leasing, Sale&Lease Back oder Asset-based Lending können dem RefinanzierungsKarussell neuen Schwung geben.

Finanzierungspartner: Treue in guten und schlechten Zeiten

In unsicheren Zeiten zeigt sich, wer ein verlässlicher Finanzierungspartner ist. Für das Management und die Gesellschafter gilt es, die Beziehung zu bestehenden Finanzierern zu pflegen und Transparenz zu schaffen. Nur so lassen sich Banken und andere Kapitalgeber auch in die nächste Runde mitnehmen. Falls eine bilaterale Finanzierungsstruktur bislang als Ausdruck gewachsener Partnerschaft mit einzelnen Häusern richtig schien, könnte der Wechsel in eine Konsortialfinanzierung als Professionalisierung überlegt werden. Doch auch alternative Finanzierer wie Private Debt Funds erarbeiten sich ihre Reputation, auch bei familiengeführten Mittelständlern. Oft zeigen Finanzberater (“Debt Advisor”), CROs (Chief Restructuring Officers) oder Sanierungsexperten mögliche Optionen auf und koordinieren die Interessen aller Stakeholder. Die Verantwortung der Gesellschafter wächst: Sie müssen bereit sein, notfalls selbst Kapital nachzuschießen oder Restrukturierungsmaßnahmen zu unterstützen.

Konsortialfinanzierungen: Wetterfest oder aus der Zeit gefallen?

Konsortialfinanzierungen gelten zu Recht als besonders robust. Doch in Zeiten anhaltender Unsicherheit stoßen auch sie an ihre Grenzen. Die Dynamik innerhalb eines Konsortiums variiert – gibt es ein oder mehrere Hausbanken oder ist der Bankenkreis heterogen und lässt sich schwer koordinieren? Durch belastbare und überzeugende Geschäftszahlen überzeugt der Kunde “seine Banken” und je komplexer die Struktur, je krisenhafter das Unternehmensumfeld, desto mehr Aufmerksamkeit sollte das Unternehmen auf seine Finanzierungspartner verwenden. Falls das Geschäftsmodell bereits durch zurückgehende Umsätze oder gar einen Liquiditätsengpass unter Druck gerät oder durch fehlende Transparenz das Vertrauensband zwischen den Konsorten und “ihrem Kunden” gerissen ist, wird es auch im Rahmen eines Konsortiums schwierig. Alternative Finanzierungsformen oder spezialisierte Investoren können helfen, Finanzierungslücken zu schließen. Aber jede Anstrengung, die Banken an Bord zu halten, lohnt sich! –eine Konsortialfinanzierung in der Krise ersetzen zu müssen, ist schwer.

Das ermattete Konsortium: Neue Wege gefragt

Nach Jahren des Amend & Extend (A&E) sind allerdings viele Konsortien “ermattet”. Die Bereitschaft, immer weitere Refinanzierungen mitzutragen, sinkt – insbesondere, wenn die Finanzplanung zeigt, dass sich die Risiken zu Lasten des Fremdkapitals verschieben oder mangels beherzter Investition des Gesellschafters sogar Eigenkapitalrisiken im Raum stehen. Hier können hybride Finanzierungsmodelle, die verschiedene Kapitalgeber und Instrumente kombinieren, neue Impulse setzen. Auch die Einbindung von Debt Funds oder die Hereinnahme neuer Banken können helfen, bestehende Partner zu entlasten und frisches Kapital zu mobilisieren. Aber in Restrukturierungssituationen gilt auch: “Alle sitzen in einem Boot”, so dass eine gewisse Zurückhaltung besteht, neue Finanzierungspartner als Teil einer Gesamtlösung unter Ersatz eines unwilligen Bestandsfinanzierers einzuwechseln.

StaRUG: Restrukturierung als Chance

Mit dem StaRUG steht Unternehmen seit Kurzem ein neues Instrument zur Verfügung, um außerhalb der Insolvenz eine neue Kapitalstruktur zu schaffen. Das Gesetz entfaltet eine eigene Dynamik: Minderheiten können majorisiert und damit eine konsensuale Lösung erleichtert werden (sog, Katalysator-Effekt). Die Möglichkeit eines StaRUG kann Banken unter Druck setzen, sich auf Restrukturierungen einzulassen, bietet Banken aber auch die Chance, Gesellschafter zu neuen Investitionen zu bewegen. Entscheidend ist, wie konstruktiv alle Beteiligten zusammenarbeiten – und ob es gelingt, auf Basis eines überzeugenden Sanierungskonzepts und einer belastbaren Planung eine tragfähige Lösung für die Zukunft zu finden.

Special Situation Financing: Wenn klassische Wege versagen

In besonders schwierigen Situationen treten zunehmend Debt Funds oder Distressed Debt Investoren auf den Plan. Sie sind bereit, höhere Risiken zu tragen – verlangen dafür aber auch entsprechende Renditen und Einflussmöglichkeiten. Solche Finanzierer werden vor allem dann angesprochen, wenn klassische Banken nicht mehr bereit sind, weiteres Kapital bereitzustellen. Kombinationen aus verschiedenen Finanzierungsquellen sind denkbar und können helfen, neue Finanzierungen zu strukturieren. In der Praxis sind solche “Spezialfinanzierungen” noch selten, insbesondere da nicht in allen Situationen der Einstieg eines Dritten möglich ist (bspw. keine ausreichende Sicherheit) und es eine gewisse Zeit braucht, eine solche Alternative zu entwickeln.

Unternehmen schiebt das Karussell an!

Herausforderungen mit den Finanzierungspartnern vorzudenken, ist gerade in unsicheren Zeiten zu empfehlen. Lässt sich das Karussell der Refinanzierung in der Krise dann tatsächlich schwerer drehen, kommt es besonders auf die kluge Analyse durch das Unternehmen oder des Sanierungsexperten an. Sonst wird aus “Alle sitzen in einem Boot!” schnell ein Restrukturierungshemmnis nach dem Motto „Keiner kommt, keiner geht!“. Eine vorrangige Stellung im Wasserfall für „New Money“ sollte bspw. konkret durch ein verbessertes Rückführungspotential für die bestehenden Finanzierer gerechtfertigt werden können. Da es in anderen europäischen Märkten bereits mehr Aktivität und Kombinationsmodelle für neue Finanzierungen gibt, sind mehr praktische Fälle als Referenz wünschenswert.

Konzertierter Ausstieg oder individueller Abverkauf?

Nicht immer ist eine Fortführung der Finanzierung sinnvoll. In manchen Fällen kann ein konzertierter Ausstieg – etwa durch eine Refinanzierung zu einem Abschlag („at a discount“) – wirtschaftlich die beste Lösung sein. Alternativ kann ein individueller Abverkauf von Kreditpositionen („Single Transaction“) an spezialisierte Investoren erfolgen. Mit Zunahme von Restrukturierungsfällen kann ein solcher Exit seitens des Unternehmens oder seiner Berater als Szenarioanalyse vorbereitet werden, um in Abstimmung mit den bestehenden Finanzierern geeignete Distressed Debt Investoren ins Spiel zu bringen, die dann entlang ihrer jeweiligen Strategie die Restrukturierung und Finanzierung des jeweiligen Unternehmens vorantreiben, um an einem möglichen Restrukturierungsgewinn zu partizipieren. Im Falle eines Verkaufs gilt es insbesondere die Vorgaben des Kreditzweitmarktgesetzes sowie (umsatz)steuerrechtliche Implikationen zu beachten.

Fazit:

Das Refinanzierungskarussell dreht sich langsamer und selektiver – und nicht immer fahren die Banken auch die nächste Runde mit. Am stärksten betroffen sind Branchen, die entweder hohe Investitionen für Transformation und Innovation benötigen, unter strukturellen Veränderungen leiden oder besonders konjunkturabhängig sind. Entsprechend fällt den Unternehmen eine entscheidende Rolle zu. Wer frühzeitig das Gespräch mit seinen Banken aufnimmt, je nach Bedarf alternative Finanzierungswege prüft und – ggf. mit Hilfe eines Experten als Lotsen – alle Stakeholder einbindet, macht es richtig: Dieser pro-aktive und breite Ansatz gibt einer anstehenden Finanzierungsrunde den erforderlichen Schwung für eine erfolgreiche Zukunft.