Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Cybersecurity & Datenschutz“
Am 8. März 2026 wählen die Bürgerinnen und Bürger Baden-Württembergs den 18. Landtag in der Geschichte ihres Bundeslandes und tragen so zur demokratischen Willensbildung bei. Für die Organisation und Durchführung der Wahl gelten strenge Regeln. Sie sorgen dafür, dass die Wahl sicher ist und schützen vor Manipulation und Betrug. Doch halten die Regularien aktuellen Entwicklungen Stand? Schützen sie auch in Zeiten, in denen die digitale Sicherheitslage angespannt ist? Sind sie Cyberangriffen gewachsen?
Dazu gleich vorab: Ja, die Wahlen in Deutschland sind sicher, wenn wir die technischen Aspekte in den Blick nehmen – auch in heutigen Zeiten. Die Stimmabgabe erfolgt in Deutschland ausschließlich in Papierform. Was manchem antiquiert erscheint, ist Garant für möglichst wenig Angriffsfläche. Weil die Wahl nicht von der ITSicherheit abhängt, ist sie digital nicht manipulierbar. Durch die Verwendung von amtlichen Stimmzetteln, das Mehraugenprinzip bei der Auszählung und die gemeinsame Niederschrift durch die Wahlausschüsse ist eine Überprüfung jederzeit möglich.
Realität sind jedoch DDoS-Angriffe, die Webseiten und Online-Wahldienste durch Überlastung lahmlegen, wie beispielsweise bei den Kommunalwahlen in Nordrhein- Westfalen. Die gute Nachricht dabei: Selbst wenn einzelne Anwendungen zur Übermittlung von Ergebnissen angegriffen werden, ist das amtliche Wahlergebnis nicht kompromittierbar. Dies gilt auch für die bevorstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg.
Doch können wir uns damit zufriedengeben? Cybersicherheit bei Wahlen umfasst nicht nur technische Aspekte der Wahlhandlung, die Stimmabgabe im Wahllokal oder per Briefwahl und die anschließende Auszählung. Cybersicherheit beginnt für mich schon deutlich früher, noch bevor die Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgeben.
Einfluss auf Wahlen durch Desinformation und Cyberangriffe
Welche Entscheidung Bürgerinnen und Bürger am Wahltag treffen, hängt maßgeblich davon ab, welche Informationen sie vorab für ihre Meinungsbildung nutzen können. Cyberkriminelle setzen bereits hier an: Im digitalen Raum verbreiten sie massenhaft falsche oder irreführende Informationen. Durch gezielte Desinformationskampagnen versuchen sie, soziale Spannungen zu verschärfen, Unruhe und Verunsicherung zu stiften, politische Lager zu polarisieren oder die Glaubwürdigkeit von Kandidierenden oder der Wahl an sich in Frage zu stellen. Zu beobachten war dies erst kürzlich bei der Wahl von neuen Richterinnen und Richtern für das Bundesverfassungsgericht. Ziel ist letztendlich immer nur eines: Das Vertrauen in die Demokratie und staatliche Institutionen zu schwächen.
Um Desinformation zu verbreiten, setzen Cyberkriminelle häufig auf soziale Netzwerke. Mit Fake Accounts und Bots nutzen sie die Funktionsweise der Plattformen aus, um dort falsche Informationen massenhaft zu verbreiten. Außerdem im Fokus stehen offizielle und private E-Mail-Konten, Social-Media- Accounts oder Webseiten zum Beispiel von Politikerinnen und Politikern, Parteien oder offiziellen Stellen. Cyberkriminelle hacken diese, um Informationen zu manipulieren oder zu erbeuten und zu veröffentlichen. Ein bei Cyberkriminellen beliebtes Einfallstor sind dabei Phishing-E-Mails, die ihnen die digitalen Türen öffnen. Phishing-Angriffe waren die zweithäufigste Angriffsart, die die Cybersicherheitsagentur Baden- Württemberg (CSBW) 2024 erfasste.
Sich der Bedrohung bewusst sein
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beobachtete im Zusammenhang mit der Bundestagswahl im Februar ein Interesse an der illegalen Beeinflussung von Wahlen sowohl durch fremde Staaten, aber auch durch inländische und ausländische politisch motivierte Akteure. Dabei steigt die Bedrohung aus Sicht des BSI zusätzlich, weil die Kriminellen zunehmend professioneller agieren. Insbesondere die rasanten Entwicklungen auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz ermöglichen es ohne große Hürden, gefälschte Ton-, Bild- und Videoaufzeichnungen zu erstellen, sogenannte Deep Fakes. In diesen KI-generierten Inhalten sagen oder tun Politikerinnen und Politiker dann Dinge, die schlichtweg erfunden sind.
Dieser Bedrohungslage lässt sich erfreulicherweise entgegenhalten, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger dieser Gefahr bewusst sind. Doch auch wenn im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 mehr als zwei Drittel aller Deutschen befürchteten, dass Cyberangriffe und Desinformationskampagnen den Ausgang der Wahl beeinflussen könnten1 und das Bewusstsein dieser Gefahr in der Gesellschaft angekommen zu sein scheint, dürfen wir nicht nachlassen, mit vereinten Kräften dafür zu sensibilisieren.
Angriffen begegnen: Das kann jede und jeder tun
Grundlegend ist es dabei, die Medienkompetenz in der Bevölkerung zu fördern. Denn nur dann gelangen gefälschte und manipulierte Inhalte im besten Fall gar nicht erst in Umlauf. Ich rate daher zu drei einfachen Maßnahmen:
- Prüfen Sie Nachrichten, auch wenn sie gut aufbereitet sind. Seien Sie generell kritisch gegenüber Inhalten, die sich rasant weiterverbreiten. Können Sie den Inhalt nicht über seriöse Quellen verifizieren, teilen Sie diese Nachrichten nicht.
- Schützen Sie Ihre Accounts mit starken Passwörtern und verhindern Sie so, dass Kriminelle Informationen erlangen oder Ihre Konten für die Verbreitung von Desinformation nutzen.
- Bleiben Sie informiert. Nutzen Sie Informationsangebote von offiziellen Stellen, um über aktuelle Entwicklungen und Sicherheitshinweise Bescheid zu wissen.
Als Präsidentin der Cybersicherheitsagentur Baden- Württemberg ist mir die Sicherheit von Wahlen ein besonderes Anliegen. Nur, wenn es uns gelingt, das Vertrauen in diese zu wahren, kann unsere Demokratie fortbestehen. Insofern ist Cybersicherheit eine Tragsäule unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.
Darum tragen auch wir mit der CSBW konkret zur Aufklärung und damit zur Sicherheit im Vorfeld der Landtagswahl 2026 bei. Mit Factsheets und Erklärvideos sensibilisieren wir zum Beispiel zu den verwendeten Angriffsarten wie Social Engineering und Phishing- E-Mails oder wie Sie Accounts durch sichere Passwörter und Passkeys schützen. Sollten Sie den Verdacht haben, Opfer eines Cyberangriffs geworden zu sein, berät Sie unsere Cyber-Ersthilfe BW rund um die Uhr telefonisch und unterstützt bei den notwendigen Schritten. Durch unsere Sicherheitshinweise und Warnmeldungen bleiben Sie zu aktuellen Cybersicherheitsthemen stets auf dem aktuellen Stand.
Cybersicherheit als demokratische Schutzaufgabe
Eines muss uns immer bewusst sein: Neben dem Ziel, Einfluss auf die Entscheidung von Wählerinnen und Wählern zu nehmen, zielen Cyberangriffe jedweder Art im Kontext von Wahlen auch immer auf die Demokratie selbst. Jeder Angriff kann potenziell einen politischen oder öffentlichkeitswirksamen Schaden anrichten. Selbst wenn er keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Wahlprozess hat, schwächt er das Vertrauen in sichere Wahlen und unsere Demokratie.
Cybersicherheit erfüllt in diesem Sinne eine unabdingbare demokratische Schutzaufgabe. Sie schützt die Grundlagen, auf denen demokratische Prozesse und Rechte beruhen und letztendlich unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Das erfordert eine gemeinsame Anstrengung und Verantwortung von Staat und Gesellschaft. Jede und jeder Einzelne von uns kann hierzu durch das eigene Handeln im digitalen Raum entscheidend beitragen.
1 Bundestagswahl 2025: Deutschland fürchtet KI-gesteuerte Desinformationskampagnen und Angriffe auf Unternehmen der kritischen Infrastruktur | https://news.microsoft.com/ de-de/mddr-btw2025/
„Cybersecurity & Datenschutz“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen: