Think Big Again

Chancenfokus, Lernen und Miteinander: So klappt es auch mit disruptiver Innovation

Mein lieber Freund, manchmal begegnen wir dem Schicksal auf dem Weg, den wir einschlagen, um es zu vermeiden.

Großmeister OogwayKung Fu Panda

Wie kann Deutschland innovativer werden?“, „Überregulierung erstickt Innovation“, „Digital abgehängt: Wie kann Deutschland aufholen?“ – dieser kleine Auszug von Schlagzeilen und Fragen in den Medien zeichnet ein eher unerfreuliches Bild der aktuellen Lage. Aber ist es tatsächlich so schlecht um die Innovationen in Deutschland, in Europa bestellt? Wie so oft ist nicht alles Schwarz oder Weiß, sondern vielschichtiger und komplexer. Gerade die Technologierevolution KI im Zusammenhang mit der vergangenen und aktuellen Innovationspolitik bietet ein wunderbares Beispiel für eine spannende Analyse.

Fakt ist: Bei der Entwicklung und globalen Verbreitung von großen Sprachmodellen spielen Deutschland und Europa bisher Statistenrollen. Das kann man nicht schönreden oder abtun. Fakt ist auch, dass substanzielle Teile der Grundlagentechnologie und Forschung für diese Modelle in Europa ihren Ursprung hatten und auch noch immer haben. Die Grundlagenforschung in Deutschland und Europa insgesamt ist nach wie vor hervorragend und richtungsweisend. Fakt ist weiterhin, dass diese großen, nicht-europäischen Sprachmodelle die Basis für unzählige Weiterentwicklungen in der Forschung und Anwendung liefern.

Nun ist die Strategie, „Anwendungsweltmeister“ im KI-Bereich zu werden, prinzipiell eine interessante Möglichkeit, wenn davon auszugehen ist, dass man das vermeintlich Beste aus der aktuellen Situation machen möchte und gleichzeitig akzeptiert, dass man die dadurch entstehende Abhängigkeitssituation nicht wesentlich beeinflussen kann. Was aber, wenn man den Blickwinkel ändert und sich fragt: Wie könnte eine Veränderung der Situation stattfinden, so dass die Balance wiederhergestellt wird? Warum sollten wir nicht darüber nachdenken, wirklich einen Unterschied zu machen und auch in der Basistechnologie wesentliche Disruptionen im Status Quo zu ermöglichen? An sich hätten wir doch alle Zutaten: hervorragende Grundlagentechnologie, an sich auch genügend Kapital (meistens jedoch nicht in Europa investiert), … was fehlt?

Disruption als Chance

Dazu lohnt sich ein Blick auf den Innovationsprozess und die Innovationspolitik am Beispiel KI. Als Innovation bezeichnet man allgemein die Einführung von etwas Neuem. Hat diese Neuerung einen tiefgreifenden, radikalen Einfluss auf die Marktgegebenheiten oder die Gesellschaft, dann ist sie disruptiv. Der Grad der Disruption in der Innovation bestimmt oft auch die Annahmefähigkeit im Markt oder der Gesellschaft. Oftmals werden disruptive Technologien in ihren Anfängen als „Quatsch“ abgetan. „Das funktioniert nie.“ „So habe wir das noch nie gemacht, das kann nicht gehen.“ „Das Risiko ist viel zu hoch.“ sind Sätze, die Unternehmerinnen und Unternehmer mit disruptiven Technologieansätzen insbesondere in Europa geläufig sind. In Unternehmen ist es nach wie vor wichtig, möglichst schon von Anfang an perfekt zu sein. Innovation und Perfektion bedeuten jedoch insbesondere kontinuierliches Lernen und Anwenden – und sie entstehen nicht über Nacht, genauso wenig wie Chat-GPT als Modell oder Verbesserungen von Trainingsmethoden oder algorithmische Ansätze.

Je disruptiver die Innovation, je offener muss man sein, um sich vorstellen zu können, dass die Technologie funktionieren kann. Das erfordert Neugier, Freude, Mut und insbesondere ein Chancendenken und ja, auch ein „Think big“. Die deutsche und europäische Innovationspolitik und -regulierung der letzten zwei Dekaden waren jedoch eher geprägt von einem Bewahrungs- und Anwendungsgedanken, der stringent die Gefahrenseite betrachtete. Was muss man vermeiden? Was kann hier gefährlich sein? Wie können wir verhindern, dass …? Diese Gedanken sind unstrittig notwendig, um prinzipielle Werte zu verteidigen. Allerdings führt eine Übermacht der Gefahrenorientierung dazu, dass die Chancen und Möglichkeiten mehr und mehr aus dem Fokus geraten. Und was auch oft nicht berücksichtigt wird: die Dynamik der aktuellen Situation.

Die KI-Verordnung und auch der Datenschutz sind gute Beispiele dafür. Die Gefährdungsausrichtung hinsichtlich KI war zentral für die ursprüngliche Erstellung der Verordnung. Mittlerweile sind einige Bereiche der Verordnung zwar verbessert worden und auch der Datenschutz wird zunehmend mit dem Fokus auf Datennutzung betrachtet, aber die grundsätzliche Einordnung bleibt.

Es ist allerdings falsch, der KI-Verordnung und ihren digitalgesetzlichen Schwesterverordnungen die Schuld dafür zu geben, dass wir in den letzten 20 Jahren keinen Tech Giganten eines Formats von OpenAI, Google, Meta oder Amazon hervorgebracht haben. Sie sind jedoch symptomatisch dafür, wie Innovationspolitik betrieben wird: Es gibt auf der einen Seite sehr gute Förderungen für Start-ups, Programme für Innovation und Initiativen für Vernetzungen. Auf der anderen Seite ist die tatsächliche Umsetzung von der Grundlagenforschung ins Produkt geprägt von bürokratischen Strukturen, was sich insbesondere in der Wachstumsphase zeigt. Dazu kommt die nach wie vor noch zu geringe Freude der europäischen Risikokapitalgeber an wirklich disruptiven technologischen Ansätzen.

Im worst case kann man das, was man vermeiden wollte, gar nicht mehr kontrollieren, da man am Markt nicht in der notwendigen innovativen Weise teilnimmt.

Prof. Dagmar SchullerFull Professor für Wirtschaftsinformatik & angewandte KI, Hochschule Landshut

„Think Big“ mit Optimismus

Was es braucht, ist insbesondere eine Veränderung im Mindset – hin zu mehr Optimismus, Chancenorientierung und einem Miteinander. Und weiter weg von der bisherigen Gefahrenhaltung und der Verbotskultur. Spannenderweise gibt es in dem bekannten Kinderfilm Kung Fu Panda ein perfektes Beispiel dafür: In einer Szene kommt der rote Panda Meister Shifu aufgeregt zur Schildkröte Großmeister Oogway, um vor der Gefahr des Schneeleoparden zu warnen. In seiner Aufregung schickt er eine Ente los, um die Wachen für den Schneeleoparden zu verdoppeln, was jedoch schlussendlich zu dessen Ausbruch und tatsächlicher Gefährdung führt. Die Schildkröte antwortet: „Mein lieber Freund, manchmal begegnen wir dem Schicksal auf dem Weg, den wir einschlagen, um es zu vermeiden“.

Wenn wir uns die aktuelle Bürokratielage und auch Regulatorik im Digitalbereich, insbesondere KI, näher anschauen, so ist vieles eben ausschließlich darauf ausgerichtet, etwas zu vermeiden. Daran ändern auch die aktuellen Verbesserungen in der KI-Verordnung nicht viel, denn die Unternehmen sind verunsichert. Es führt schlussendlich im schlimmsten Fall gerade dazu, dass man das, was man vermeiden wollte, gar nicht mehr kontrollieren kann, da man am Markt in der notwendigen innovativen Weise zu wenig teilnimmt. Wie bei Kung Fu Panda. Aber am Ende des Films ging es ja gut aus: Der Schneeleopard konnte durch Kung Fu Pandas Fokus auf die eigenen Stärken und Schwächen sowie einem aus dieser Erkenntnis gewonnen disruptiven, „neuen“ Kung Fu-Stil besiegt werden. Genauso wichtig ist es in Sachen KI aufzuzeigen, was deutliche Verbesserungen bringen könnte, auch wenn es nicht in der Komfortzone liegt und man gegebenenfalls mit einem Prozess von vorne anfangen muss.

Erfolg mit Incentive-orientierter Innovationspolitik

Gute Innovationspolitik kann viel erreichen: So könnten Incentive-Strukturen wie steuerliche Vorteile aber auch individuelle Förderungen bei Erreichen bestimmter Qualitäts- und Transparenzstandards mehr in der Umsetzung bewirken, als es Regularien tun, die durch zusätzliche Regeln Unsicherheit schaffen, wie es aktuell in großen Umfragen (bspw. Bitkom, IHK) ersichtlich ist.

Auch das Miteinander zwischen großen und kleinen Unternehmen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Disruptive Technologien brauchen ein Anwendungsumfeld, idealerweise mit skalierbarem Effekt. Jede noch so gute Lösung im Labor kann nicht erfolgreich umgesetzt werden, wenn man ihr nicht die Chance zur Verbesserung „in the wild“ gibt. Dies gilt insbesondere für KI-Anwendungen, deren Ergebnisqualität wesentlich vom Zugang zu einer Vielzahl von qualitativen Daten abhängig ist. Ebenso kann man das Miteinander mit Anreizen fördern, indem auch hier beispielsweise Austausch zwischen Start-ups, Scale-ups und Großunternehmen gezielt durch wirtschaftspolitische Maßnahmen unterstützt werden.

Letztendlich beginnt es auch bei jedem einzelnen selbst, indem er sich mit disruptiven Technologien auseinandersetzt, ausprobiert, bewertet und selbst lernt. Offenheit, konstruktive Kritik und Freude an kontinuierlichem Lernen sind gute Ansätze, um den Umgang mit Innovationen grundlegend in ein chancenorientiertes Licht zu rücken.

Und wenn man das nächste Mal, wenn eine vermeintlich hanebüchene Idee vorgestellt wird, lieber nach dem „Warum?“ fragt und zuhört, anstatt es als „Quatsch“ abzutun, dann klappt es auch mit dem „Think Big“.

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