Damit Europa seine industrielle Basis stärkt und seine Verteidigungsbereitschaft erhöht, sind vier Hebel entscheidend:
Digitalisierung für Skalierung
Die durchgängige Digitalisierung des gesamten Lebenszyklus ist im Verteidigungssektor zentraler Produktivitätstreiber. Konsequente Virtualisierung in Planung und Entwicklung ermöglicht, Soft- und Hardware frühzeitig zu testen, bevor physische Prototypen entstehen. Dies beschleunigt die Validierung komplexer Systeme, senkt Kosten und Risiken. Auch bei geringen Stückzahlen lassen sich mit modernen industriellen Prinzipien Effizienzpotenziale ausschöpfen. Capgemini hat in der europäischen U-Boot-Produktion durch digitale Lösungen für Werkzeugverfügbarkeit, Qualitätsprüfungen und Sicherheitsüberwachung sowie Lean-Methoden Outputsteigerungen von 50 bis 100 % erzielt. Bei neuen Produktionsanlagen sollte das volle Potenzial genutzt und in skalierbare Fabriken investiert werden: Digitale Fabriksimulationen ermöglichen robustes Produktionsdesign, integrierte Produktionsplattformen steuern und optimieren die Produktion mit realen Daten, KI automatisiert und verbessert die Qualität. In einem europäischen Rüstungsvorhaben konnte Capgemini mittels Datenanalyse Planungsdefizite im Ramp-up identifizieren und Maßnahmen definieren, um die angestrebte Produktionsrate abzusichern.
Resiliente Lieferketten
Der Verteidigungsbereich ist geprägt von hoher Variantenvielfalt und geringen Stückzahlen bei komplexen Systemen und Plattformen. Folge sind oft hochspezifische (Teil)Produkte, die einzelne Akteure fertigen. In der Ausgestaltung gilt es, das Spannungsfeld zwischen Souveränität und Resilienz einerseits sowie Skaleneffekten und internationaler Zusammenarbeit andererseits auszubalancieren. Der industrielle Hochlauf gelingt nur, wenn Lieferketten ganzheitlich betrachtet und gezielt entwickelt werden. Die Neuordnung resilienter Supply Chains und die Entwicklung von Lieferanten werden zur Kernaufgabe im Ramp-up. Industrie und Endkunde müssen Transparenz entlang der gesamten Lieferkette schaffen, um kritische Engpässe wie Rohmaterialien frühzeitig zu erkennen und abzustellen.
Fachkräfte sichern
Der Fachkräftemangel bleibt eine zentrale Herausforderung. Während viele erfahrene Ingenieure vor dem Ruhestand stehen und kritisches Know-how verloren gehen könnte, entstehen mit Software-defined Defense und KI neue Kompetenzprofile. Digitale Technologien wie virtuelle Trainer können Fähigkeiten aufbauen und Wissen sichern. Die Branche ist durch eine hohe Leistungstiefe und eine starke vertikale Integration geprägt, was zu einer Überlastung der Mitarbeitenden führen kann. Strategische Partnerschaften – auch bei nicht kernrelevanten Aktivitäten – helfen dabei, Kapazitäten freizusetzen und Kompetenzen gezielt zu entwickeln.
Digitale Kooperation
Programme wie MGCS erfordern eine koordinierte Zusammenarbeit über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg. Ein Collaborative Working Environment (CWE) ist mehr als ein Toolset oder ein Cloud-Speicher. Es bildet das digitale Rückgrat der Kooperation – eine sichere, souveräne Plattform, auf der Nationen, Behörden und Industriepartner gemeinsam komplexe Systeme über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg entwickeln und betreiben können. Die zugrunde liegende Technologie ist verfügbar, doch die eigentliche Hürde liegt in der Regulatorik: Die Harmonisierung und Anerkennung von Standards, IT-Sicherheitsvorgaben und Datenklassifizierungen erschweren die Kollaboration. Das richtige Aufsetzen und Managen von CWE ist somit ein kritischer Erfolgsfaktor, der bisher nur punktuell in Europa umgesetzt werden konnte.
Rüstungsbereich stärken
Budgets allein garantieren keine Sicherheit – ausschlaggebend ist die schnelle Umsetzung. Zentrale Hebel sind dabei die Digitalisierung, resiliente Lieferketten, Fachkräfte und Kollaborationsplattformen. Beschaffung und Industrie müssen den Aufbau effizienter Strukturen zudem als gemeinsame gesamtstaatliche Aufgabe betrachten. Neue Modelle wie Effizienzpartnerschaften können Programme beschleunigen und Mittel freisetzen. Investitionen in moderne Anlagen bleiben unerlässlich.