Die nächsten fünf Jahre sind klimatechnisch vorgezeichnet: Laut der World Meterology Organization (WMO) ist das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze bis 2029 nahezu sicher. Hitze, Starkregen, Lieferausfälle, Wassermangel und Gesundheitsrisiken werden Teil der wirtschaftlichen Realität. Unternehmen müssen sich darauf einstellen – nicht irgendwann, sondern jetzt.
Im historischen Bacchus-Keller des Münchner Ratskellers diskutierten Fach- und Führungskräfte über Herausforderungen der Klimaanpassung:
- Wie erkennen wir die entscheidenden Schwachstellen in unseren Wertschöpfungsketten?
- Wie stärken wir die Anpassungsfähigkeit?
- Und wie gelingt das Zusammenspiel mit Lieferanten, Mitarbeitenden und Kapitalgebern in einer neuen Risikorealität?
Drei Perspektiven – ein Thema: Klimaresilienz strategisch angehen
Dr. Lena Fuldauer, Global Sustainability & Resilience Solutions Lead bei Allianz Commercial, betonte, wie Versicherer ihre Kunden gezielt bei der Anpassung unterstützen können und bei dem Thema Resilienz eine immer aktivere Rolle als Partner einnehmen. Unternehmen verfügen häufig bereits über etablierte Risikomanagementsysteme, benötigen jedoch zusätzliche Daten, um zu verstehen, wie sich Risiken und Resilienzbedürfnisse in der Zukunft verändern. Dabei bleibt zentral: Auch in Zeiten der Unsicherheit muss gehandelt werden, und zwar so, dass sowohl Resilienz als auch Nachhaltigkeit gestärkt werden.
Dr. Andreas Wagner, Chief Sustainability Officer der HypoVereinsbank, hob hervor, dass gerade der Mittelstand mehr Orientierung und Information braucht, um sinnvolle Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. Banken haben dabei nicht nur die richtigen Finanzierungsinstrumente, sondern können auch gezielt Wissen und Förderoptionen vermitteln. Zudem bieten sich neue Geschäftsmodelle – dort, wo Unternehmen proaktiv auf Resilienz setzen.
Daniel Schmitz-Remberg, Gründer von DSR & Partners – Climate Adaptation Advisory, zeigte auf, wie wichtig die Verankerung des Themas im Management ist, um wirkungsvoll handlungsfähig zu werden. Und das können je nach Branche und bisheriger Erfahrung ganz unterschiedlich Ansatzpunkte sein. Die Vielfalt von verfügbaren Lösungen – von Kühlwesten bis zu Risikodaten und Frühwarnsystemen – ist weit größer als vielen bewusst ist. Er fordert eine neue Hoffnung im Klimawandel – nämlich, dass wir Menschen und Wertschöpfungskette jetzt besser anpassen und damit schützen können.
Von Nachhaltigkeit zum konkreten Klimarisikomanagement
In der Diskussion wurde deutlich: Viele Unternehmen sind beim Thema Dekarbonisierung bereits aktiv – Klimabilanzen, Scope 1-3 und CO₂-Ziele sind bekannt und etabliert. Doch die physische Seite des Klimawandels – Hitze, Dürre, Überflutung, Lieferunterbrechungen – ist für viele noch wenig greifbar. Die Teilnehmenden erkannten: Klimaanpassung ist mehr als ein Zusatz – sie erfordert einen ganz eigenen Blick auf Prozesse, Standorte, Beschäftigte und Kapitalflüsse.
Ein prägendes Bild des Abends war der gemeinsame Blick in den „Maschinenraum“ von Bank und Versicherung: Hier wird bereits intensiv an der systematischen Bewertung physischer Klimarisiken gearbeitet – mit Datenmodellen, Forecasts, Anpassungspfaden und klaren Anforderungen an Kundinnen und Kunden. Unternehmen, die in Anpassung investieren, verbessern ihre Versicherbarkeit und langfristige Finanzierungschancen – eine Botschaft, die viele an diesem Abend zum ersten Mal so deutlich hörten.
Auch positiv: Gerade im Mittelstand könnte Anpassung schneller gelingen, weil weniger Altstrukturen und Nachhaltigkeitsbürokratie im Weg stehen. Dort, wo Anpassung als unternehmerische Chance verstanden wird, entsteht Raum für Pragmatismus, Innovation – und Vorsprung.
Resilienz ist kein Kostentreiber, sondern Investitionslogik
Der Abend machte auch deutlich: Die wirtschaftliche Logik von Klimaanpassung steht längst. Studien wie das „Inevitable Investment Opportunity“-Paper des Singapore Staatsfonds (GIC) oder aktuelle WRI-Analysen zeigen: Jeder Euro, der heute in Schutz, Vorsorge und Anpassung investiert wird, spart in Zukunft ein Vielfaches an Schaden und Folgekosten. Für Investoren wird die Anpassungsfähigkeit von Unternehmen zunehmend zum harten Auswahlkriterium. Hier wird sich einiges tun, denn bislang kommen 98% der Resilienz-Investitionen aus öffentlicher Hand. Die Unternehmen sind gefordert.
Ob Kühlwesten für Mitarbeiterschutz, klimasichere Gebäude, Frühwarnsysteme für Starkregen (Stichwort Texas), resiliente Logistik, angepasste Landwirtschaft oder dezentrale Wasseraufbereitung – es mangelt nicht an Lösungen. Die Herausforderung liegt eher darin, diese Lösungen in die tägliche Unternehmensrealität zu überführen, gezielt zu finanzieren und als strategisches Asset zu verstehen.
Verantwortung im Klimawandel übernehmen heißt auch, sich anzupassen
Der Roundtable in München war keine Podiumsdiskussion, sondern ein offener, anspruchsvoller Austausch auf Augenhöhe. Die zentrale Erkenntnis: Klimaanpassung ist nicht die Verlängerung von Nachhaltigkeit, sondern eine eigenständige Führungsaufgabe im Umgang mit nicht mehr vermeidbaren Veränderungen.
Die Handelsblatt Konferenz „Corporate Climate Adaptation“ wird diesen Weg konsequent weiterdenken: mit Unternehmen, die Verantwortung übernehmen – und mit Lösungen, die den Unterschied machen.