Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG von April 2026
Angebots- sowie auch Nachfragethemen haben in den vergangenen Jahren die Freiheitsgrade unternehmerischer Entscheidungen deutlich eingeschränkt. In diesem Jahr sollten sich die Insolvenzzahlen dennoch stabilisieren – und zwar auf einem im historischen Vergleich überschaubaren Niveau. Die Auftragslage in der Industrie stabilisiert sich beziehungsweise verbessert sich langsam, während die Fiskalpolitik trotz eines fragilen globalen Umfelds für stabile Wachstumsimpulse in diesem und im kommenden Jahr sorgen dürfte.
Insolvenzen sollten abflachen, doch entscheidend ist der Ausblick für Investitionen.
Auch die Stimmung der Unternehmen hat sich von ihrem Tiefstand leicht erholt. Diese ersten Anzeichen einer Verbesserung müssen nun durch strukturelle Reformen verstärkt werden, die verlässliche und langfristig planbare Rahmenbedingungen schaffen. Nur so lässt sich verhindern, dass globale Konflikte und geopolitische Unsicherheiten erneut zu einer Eintrübung der Stimmung führen.
Denn gerade im aktuellen Umfeld erhöhter geopolitischer Risiken, innovativer Disruptionen wie der Elektromobilität, hoher Energiekosten, ambitionierter Klimaziele sowie sich wandelnde globale Wirtschaftsbeziehungen bleibt der Gedanke an Planungssicherheit vielfach eine Illusion.
Doch erfolgreiche Unternehmen vertrauen weniger auf die Umstände, sondern zeichnen sich durch einen hohen Grad an Selbstbestimmung aus. Kurzfristig bedeutet dies vor allem ausreichende Liquidität, grundsätzlich jedoch eine hohe Investitions- und Erneuerungsbereitschaft. Letzteres gilt auch für eine Volkswirtschaft. Doch genau diese Investitionsdynamik wird am Standort Deutschland weiterhin schmerzlich vermisst.
Schumpeters Konzept der schöpferischen Zerstörung zeigt zwar, dass eine Zunahme von Insolvenzen ein notwendiger Bestandteil wirtschaftlicher Erneuerung und Transformation ist. Sorge bereiten jedoch nicht die Insolvenzzahlen an sich, sondern die fehlende Bereitschaft, durch Investitionen Neues zu schaffen. Genau deshalb ist die aktuelle Situation so kritisch: Die Erreichung der Klimaziele setzt eine hohe Transformations- und damit Investitionsbereitschaft voraus. Doch gerade im aktuellen herausfordernden Umfeld führt dieser Druck bei privaten Unternehmen eher zu Anpassungen von Standortentscheidungen – und damit im Zweifel zu Investitionen außerhalb Deutschlands. So sind es aktuell eher kommunalnahe Unternehmen, die die Transformation in Deutschland vorantreiben und von Finanzierungslösungen der Förderbanken profitieren.
Investitionsentscheidungen zunehmend für das Ausland
Der gehobene deutsche Mittelstand trifft Investitionsentscheidungen bereits seit Längerem aus einer globalen Perspektive, und tatsächlich ist die internationale Ausrichtung seit Jahrzehnten ein wesentliches Erfolgsmerkmal der deutschen Industrie. Durch die Globalisierung haben Unternehmen Zugang zu dynamisch wachsenden Absatzmärkten gewonnen, Kostenstrukturen optimiert und ihre Abhängigkeit von einem einzelnen Produktionsstandort deutlich reduziert.
Eine jährliche IKB-Umfrage von Anfang 2026 unter Geschäftsführern und Eigentümern des gehobenen Mittelstands hat gezeigt, dass die Mehrheit der Unternehmen zwar einen hohen Investitionsbedarf am Standort Deutschland infolge der Klimaziele sieht, gleichzeitig fehlt es jedoch zunehmend an der Bereitschaft, den Kapitalstock in Deutschland zu erneuern. Stattdessen steigt bereits seit Jahren die Präferenz, im Ausland zu investieren.

Zweifel am Reformwillen belasten lokale Investitionen
Deshalb braucht es dringend eine Anpassung der Grundeinschätzung von Unternehmen gegenüber dem Standort Deutschland. Denn die IKB-Umfrage zeigt, dass der gehobene Mittelstand immer noch an der Handlungsbereitschaft der Regierung „das Richtige zu tun“ zweifelt. Auch bestehen aktuell bei Unternehmen starke Zweifel an der Effektivität der Reformen und am Einfluss fiskalischer Stimulierungsmaßnahmen. So fehlt es weiterhin an einer durch Reformen getriebenen Korrektur in der deutschen Stimmungslage.
Gerade in den vergangenen Jahren hat sich die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland deutlich verschlechtert. Lohnstückkosten sind deutlich angestiegen, und der Arbeitnehmeranteil am Volkseinkommen liegt inzwischen auf einem historischen Höchststand, was die Rendite von Investitionen belastet. Unter solchen Rahmenbedingungen führt das Fiskalpaket der Bundesregierung zwar zu einer höheren Staatsquote, jedoch kaum zu einer durch den Privatsektor getragenen Transformation und Investitionsoffensive.
Preislicher Wettbewerb belastet Standort
Grundsätzlich haben sich die deutschen Erzeugerpreise infolge der Phase der hohen Inflation zwischen 2021 und 2024 von denen anderer Industrieländer wie China, Japan oder Südkorea entkoppelt und sind deutlich kräftiger gestiegen – insbesondere, wenn sie in Euro betrachtet werden. Damit hat sich die deutsche preisliche Wettbewerbsfähigkeit klar verschlechtert. Gleichzeitig drängt China zunehmend in traditionelle deutsche Märkte, was die Preissensitivität der Nachfrage nach deutschen Exportgütern erhöht hat. Der Preis spielt also eine immer größere Rolle, weil selbst im hochwertigen Segment inzwischen verlässliche Alternativen existieren.
In der Folge können deutsche Unternehmen steigende Kosten nicht mehr ohne Weiteres weitergeben. Die Gewinnmargen geraten unter Druck, und der Standort verliert an Attraktivität. Die Lösung? Produktivitätssteigerungen bei gleichzeitig moderater Lohnentwicklung wären wünschenswert. Zugleich müssen die Energiekosten wieder wettbewerbsfähiger werden. Beides ist nur durch eine deutlich höhere Investitionsquote zu erreichen – und zwar sowohl im privaten als auch im staatlichen Sektor.
Deutschland hat es selbst in der Hand
US Zölle, chinesischer Wettbewerb, eskalierende Energiepreise oder ein aufwertender Euro – all dies sind Faktoren, die Deutschland nicht unmittelbar beeinflussen kann. Dadurch entsteht häufig der Eindruck, unser exportorientiertes Wirtschaftsmodell sei in hohem Maße fremdbestimmt. Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und damit die Förderung von Investitionen sind jedoch Ergebnisse lokaler politischer Reformbereitschaft. Entsprechend besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf, die Attraktivität des Standorts zu erhöhen, Planungssicherheit zu schaffen und Abwanderungen in der Industrie entgegenzuwirken.
Die IKB Umfrage lässt keinen Zweifel: Investitionen erfolgreicher Unternehmen des gehobenen Mittelstands verlagern sich zunehmend ins Ausland, und die Gefahr einer De-Industrialisierung ist real. Gleichzeitig bleiben die Erwartungen an die Wirksamkeit politischer Reformen gedämpft. Die Regierung muss daher mit einer überzeugenden Zielsetzung und entschlossenem Handeln vorangehen. Erst wenn klare Prioritäten gesetzt und Reformen konsequent umgesetzt werden, wird die private Investitionsdynamik deutlich zulegen – und zwar ohne Zweifel.
© Sabine Grothues