KI-Bild von Tesla-Roboter Optimus: In Berlin verteilte die Maschine bereits Popcorn. (Foto: Stephan Scheuer/Sora)
Warum das wichtig ist: Weil sich hier mehr abzeichnet als ein gewöhnlicher Wendepunkt. In der Strategietheorie spricht man – seit Andy Grove, dem legendären Intel-Chef – von einem Strategic Inflection Point: einem Moment, in dem sich technologische und wirtschaftliche Trends so überlagern, dass die bisherigen Spielregeln nicht mehr gelten. Nicht, weil etwas ein wenig besser wird, sondern weil sich ganze Geschäftsmodelle verschieben oder entwerten.
Genau das passiert gerade. Künstliche Intelligenz wird rasant leistungsfähiger, robuster und günstiger. Gleichzeitig werden Roboter mechanisch präziser, beweglicher und seriennäher. Jetzt kommen beide Entwicklungen zusammen. KI verlässt den Bildschirm und beginnt, die physische Welt zu steuern: greifen, gehen, steuern, kochen. Das ist kein fertiger Durchbruch – aber sehr wahrscheinlich der Beginn einer neuen industriellen Phase.
Elon Musk: Der Tesla-Chef richtet den Konzern neu aus. (Foto: Tesla 2; dpa, Getty Images)
Ein Bild dafür lieferte Tesla bereits zur Weihnachtszeit in Berlin. In der Mall of Berlin verteilte der humanoide Roboter Optimus Popcorn. Die Bewegungen wirkten langsam, manches ging daneben, Menschen griffen ein. Das war keine Demonstration technischer Reife, sondern eine Inszenierung des Übergangs. Optimus als Symbol: noch unbeholfen, aber nicht mehr futuristisch fern.
Neu ist nun, wie konsequent Tesla diese Vision materiell unterfüttert. Mehr als 20 Milliarden Dollar an Capex – also langfristigen Investitionen in Fabriken, Maschinen und Infrastruktur – sollen fließen. Musk spricht offen über eigene KI-Chips und sogar über eine eigene Halbleiterfabrik.
Auch die sogenannte Packaging-Ebene wird relevant: Dort werden Rechenchips, Speicher und Verbindungen so zusammengeführt, dass sie extrem leistungsfähig und effizient arbeiten können. Ohne diese Ebene keine leistungsfähige KI, ohne KI keine Roboter.
Natürlich bleibt Skepsis angebracht. Musks „Robotaxis“ verdienen diesen Namen bislang nicht. Teslas Systeme sind technisch weit, aber noch nicht zuverlässig autonom. Die Bezeichnung bildet die Realität noch nicht ab. Und doch zeigt der Vergleich mit Google, wie nah das Ziel rückt.
Die Alphabet-Tochter Waymo betreibt in US-Städten wie San Francisco einen Robotaxi-Dienst, der für viele Menschen längst Alltag ist – fahrerlos, kommerziell, millionenfach genutzt. Noch in diesem Jahr soll der Dienst nach Europa kommen, London soll den Anfang machen. Autonome Mobilität kann also funktionieren – nur nicht überall und nicht bei jedem Anbieter.
Dasselbe gilt für humanoide Robotik. Neben Tesla arbeiten spezialisierte Start-ups daran, Maschinen tatsächlich einsatzfähig zu machen. Figure, ein US-Start-up aus Kalifornien, entwickelt humanoide Roboter für Industrie und Logistik und wird von großen Tech-Investoren unterstützt. Das Stuttgarter Start-up Sereact entwickelt KI-Software, die nicht an einen bestimmten Robotertyp gebunden ist, sondern sich wie ein universelles Gehirn in unterschiedlichste Maschinen integrieren lässt.
Elon Musk ist ein Geschichtenerzähler, der zur Übertreibung neigt – aber ein erstaunlich verlässlicher Seismograf. Er spürt früh, wo sich technologische Platten verschieben. Dass er dabei oft zu laut, zu früh und zu groß erzählt, hat Thomas Jahn, der Musk seit vielen Jahren eng begleitet, immer wieder beschrieben.
KI und Robotik sind an einem Punkt angekommen, an dem sie sich gegenseitig beschleunigen. Die Show mag laut sein. Der strukturelle Wandel dahinter ist leise – und unumkehrbar.
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