Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom 28.08.2025
Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat erkannt, dass die Dinge besser ineinandergreifen müssen. Ein Energiemonitoring soll künftig besser zeigen, wo im Land der Energiebedarf am größten ist, wo Netze an ihre Grenzen kommen und wo der Ausbau erneuerbarer Energien sinnvoll gesteuert und intelligenter – also effizienter in Bezug auf die gesamten Systemkosten – organisiert werden muss. Das ist gut – denn die Energiewende darf kein Blindflug sein. Doch Transparenz allein reicht nicht aus. Es braucht Entscheidungen, die konsequent sind. Entscheidungen, die den Mut haben, alte Routinen zu hinterfragen und klare Linien aufzeigen.
Solarstrom: Zwischen Boom und Netzproblemen
Schauen wir auf die Photovoltaik. Noch nie wurden so viele Solaranlagen gebaut wie in den vergangenen beiden Jahren. Eine Erfolgsmeldung? Ja, aber eine mit Schatten. Denn viele dieser Anlagen entstehen dort, wo sie den wenigsten Nutzen bringen: in Regionen mit geringer Stromnachfrage.
Die Netze dort sind oft nicht für solch hohe Einspeisungen ausgelegt. Die Folge: Es wird Strom erzeugt, den niemand in der Region abnimmt. Anlagen müssen abgeregelt werden, Netzbetreiber fahren am Limit, Strompreise rutschen in der Mittagszeit immer häufiger ins Minus und die Kosten steigen für alle. Die kommunalen Unternehmen, die diese Netze betreiben, fordern seit Langem, den Ausbau stärker an der Realität auszurichten: Dort fördern, wo auch verbraucht wird. Klingt banal, ist aber bislang nicht politischer Standard.
Stromsteuer: Falsche Signale für die Energiewende
Ein zweites Beispiel: die Stromsteuer. Eigentlich war das Ziel klar. Die Bundesregierung wollte Bürger und Unternehmen gleichermaßen entlasten. Doch der jüngste Beschluss der Bundesregierung begünstigt vor allem große Betriebe. Für kleine Unternehmen, für Handwerker und für Privathaushalte ändert sich wenig. Das ist nicht nur ungerecht, es ist auch unklug. Denn die Energiewende wird nur gelingen, wenn möglichst viele mitmachen, nicht nur die Großen. Eine faire Stromsteuerreform müsste allen zugutekommen, die ihre Heizungen elektrifizieren, ihre Autos laden oder ihre Betriebe klimafreundlich umbauen wollen. Doch statt die Stromsteuer zu senken, sendet die Bundesregierung irrlichternde Signale, indem sie über die Abschaffung der Gasspeicherumlage für alle nur einseitig den Druck auf die Gaspreise reduziert – um sie dann durch die steigende CO₂-Belastung ab dem 1. Januar 2026 wieder zu erhöhen. Welche Signale sendet das an die Menschen?
Netzinfrastruktur: Reform mit paradoxen Folgen
Noch komplizierter wird es beim Thema Netzinfrastruktur. Die Bundesnetzagentur plant aktuell neue Vorgaben für die Erlöse der Verteilnetzbetreiber – also der Unternehmen, die vor Ort dafür sorgen, dass der Strom überhaupt ankommt und dass die Versorgung sicher ist.
Die neuen Regeln werden viele insbesondere ländliche Verteilnetzbetreiber finanziell so stark belasten, dass ihnen kaum noch Luft für Investitionen bleibt. Das ist in zweierlei Hinsicht paradox: Während Netzbetreiber zur Gestaltung der Energiewende von unten gerade mehr Kapital für Investitionen benötigen, entzieht die BNetzA den Unternehmen Ertragskraft. Und anstatt dezentrale Strukturen – die Herzkammer der Energiewende – zu stärken, befördert die BNetzA die Zentralisierung. Ein Schlag ins Gesicht auch für das im Grundgesetz festgeschriebene Recht auf kommunale Selbstverwaltung.
Wärmewende: Stiefkind der Energiepolitik
Und dann ist da noch die Wärmewende – das ungeliebte Stiefkind der Energiepolitik. Während im Stromsektor jedes neue Windrad gefeiert wird, dümpelt der Ausbau klimafreundlicher Wärmenetze vor sich hin. Dabei wäre genau das der Hebel, um Städte und Gemeinden unabhängig von fossilem Gas und Öl zu machen. Fernwärmenetze könnten industrielle Abwärme, Biomasse oder Geothermie nutzen, wenn man sie denn finanziert. Doch statt einer großen Wärmestrategie gibt es bislang nur wohlmeinende Absichtserklärungen. Der VKU fordert deshalb einen echten Investitionsschub: mindestens 3,5 Milliarden Euro jährlich für den Ausbau der Wärmenetze, damit die Kommunen das Rückgrat der Wärmewende bauen können.
Die Energiewende braucht eine Kurskorrektur
Deutschland hat auf dem Weg zur klimaneutralen Energie-und Wärmeversorgung bereits große Fortschritte erzielt, aber auf der Strecke den roten Faden verloren. Es fehlt an Systemeffizienz. Es fehlt an Fairness. Und es fehlt an Mut, die Dinge konsequent umzusetzen.
Was jetzt zu tun ist? Erstens: Die Stromsteuer muss so gesenkt werden, dass alle profitieren, Bürger wie Unternehmen, Kleine wie Große. Zweitens: Die Regulierung muss Investitionen ermöglichen, nicht verhindern. Netzbetreiber brauchen Planungssicherheit, um zu investieren. Und drittens: Die Wärmewende muss endlich dieselbe politische Aufmerksamkeit bekommen wie Windräder und Solaranlagen. Denn ohne klimaneutrale Wärme bleibt jedes Klimaziel Makulatur.
Die Bundesregierung hat es selbst in der Hand. Sie kann den Neustart der Energiewende gestalten – oder zulassen, dass sich Einzelinteressen durchsetzen. Der VKU hat mit seinem Papier „Neustart für die Energiewende“ konkrete Vorschläge vorgelegt. Jetzt braucht es den politischen Willen, sie aufzugreifen. Klimaneutralität bis 2045 ist mehr als ein Versprechen. Es ist eine Verpflichtung. Und sie kann nur erfüllt werden, wenn alle Akteure mitgenommen werden. Nicht nur die Großen, nicht nur die Lauten, sondern auch die Vielen, die dort zu Hause sind, wo die Menschen leben.
Bild: © SWK AG