Zwischen Sanierung und Ausverkauf: Warum Distressed M&A 2025 unter Druck steht
Distressed M&A bleibt in der DACH-Region ein wichtiges Instrument zur Werterhaltung in der Krise – insbesondere bei größeren Insolvenzen. Die Kearney-Studie erwartet 2025 eine Zunahme entsprechender Transaktionen. Doch gemessen an der Gesamtzahl der Insolvenzen nimmt der relative Anteil der Verkäufe ab. Immer häufiger bleiben nur Teilverwertungen – oder die geordnete Abwicklung.
Die Ursachen sind vielschichtig. Einerseits kämpfen viele Unternehmen mit hausgemachten Problemen: einer veralteten Kostenstruktur, Investitionsstaus, ausbleibender Innovation oder einer geschwächten Marktposition. Andererseits erschweren externe Faktoren wie hohe Energiepreise, steigende Zinsen, geopolitische Unsicherheiten und Zollrisiken die Lage zusätzlich. Wo früher ein Verkauf noch möglich war, schrecken heute potenzielle Käufer angesichts der Unsicherheiten und Sanierungsrisiken zurück. Besonders sichtbar ist das in den Branchen Einzelhandel, Fashion und Automotive – sie gelten derzeit als besonders schwer vermittelbar.
Distressed Assets im Visier: Internationale Strategen und „Special-Situations-Investoren“ aus DACH dominieren den Käufermarkt
Die Käuferlandschaft im Distressed M&A verändert sich spürbar. Laut unserer Kearney-Studie agieren 2025 vor allem zwei Gruppen aktiv im Markt: Special-Situations-Investoren aus der DACH-Region sowie strategische Käufer aus dem Ausland. Besonders im Einzelhandel sichern sich internationale Strategen gezielt deutsche Retail-Assets – häufig mit bekannten Marken, bestehenden Vertriebskanälen (wie z.B. einem Filialnetz) und strukturellem Restrukturierungspotenzial. Dagegen zeigen sich klassische strategische Käufer aus dem Inland zurückhaltender. Gründe dafür sind unter anderem die gestiegenen Sanierungsrisiken, längere Prüfungszyklen und die hohe Komplexität in der operativen Integration. Auch bei Private-Equity-Häusern ist eine zunehmende Selektivität zu beobachten: Viele fokussieren sich auf Add-on-Transaktionen in bestehenden Plattformstrukturen oder meiden kapitalintensive Sanierungssituationen.
In der Summe entsteht ein deutlich selektiverer Käufermarkt – mit Investoren, die gezielt nach verwertbaren Assets mit klarer „Upside“ suchen. Und solchen, die sich bewusst zurückziehen.
Verkauf in der Krise – oder lieber gar nicht? Die neue Realität der Verkäufer
Für Verkäufer hat sich die Ausgangslage im Distressed M&A fundamental verändert. Liquiditätsengpässe, akuter operativer Restrukturierungsbedarf und gerade auch häufig die Notwendigkeit zur strategischen Neuausrichtung des Produktportfolios, setzen Unternehmen unter Zugzwang. Der klassische Gesamtverkauf ist immer seltener realisierbar. Stattdessen gilt es, den wirtschaftlich tragfähigen Teil des Geschäfts zu identifizieren, herauszulösen und gezielt verkaufsfähig zu machen.
In der Praxis bedeutet das: Carve-Outs gut positionierter Geschäftsbereiche auf der einen Seite – und eine gezielte Abwicklung nicht zukunftsfähiger Einheiten auf der anderen. Diese Trennungslogik folgt keinem Automatismus, sondern erfordert eine faktenbasierte Analyse. Künstliche Intelligenz kommt beim Verkaufsprozess zunehmend zum Einsatz, etwa bei der Analyse der Finanzzahlen, der Unternehmensbewertung oder im virtuellen Datenraum. Voraussetzung bleibt jedoch: belastbare Daten und klare Governance; denn die Gläubigerinteressen müssen ebenso gewahrt werden.
Die Folge: Distressed M&A wird komplexer – aber auch strategischer. Verkäufer, die proaktiv nach attraktiven Geschäftseinheiten strukturieren, steigern ihre Chancen auf einen erfolgreichen Exit deutlich.
Sondersituation Einzelhandel, Automotive & Co.: Wo der Markt besonders unter Druck steht
Im Einzelhandel hat sich die Lage zuletzt dramatisch zugespitzt. Laut unserer Kearney Studie verzeichnete die Modebranche einen Umsatzrückgang von 11 %, Haushaltswaren fielen um über 10 % in den letzten Jahren. Hauptursachen: strukturelle Überkapazitäten, Konsumzurückhaltung, hohe Preiselastizität – und ein „beschleunigter Shift“ hin zum E-Commerce. Für Distressed M&A bedeutet das: Nur Marken mit klarer Positionierung und bestehender Infrastruktur sind überhaupt vermittelbar. Alle anderen gelten als schwer verkäuflich. Entsprechend selektiv agieren Käufer – zwei Turnaround-Strategien werden fokussiert: Starker Kostensenkungsfokus oder Skalierung (vorwiegend über den Markteintritt ausländischer Strategen)
Auch in der deutschen Automobilindustrie ist der Handlungsdruck hoch. Die Transformation zur Elektromobilität, ein verschärfter Wettbewerb gerade auf dem chinesischen Absatzmarkt, steigende Energie- und Materialkosten sowie Absatzeinbrüche infolge internationaler Handelskonflikte – etwa durch US-Zölle – setzen die Branche unter Zugzwang. Gleichzeitig zeigen sich strategische Käufer aus Europa zurückhaltend. Die Folge: M&A-Prozesse ziehen sich länger, und ausländische Investoren – häufig mit Schwerpunkt Technologieerwerb – treten verstärkt als Käufer auf.
In beiden Sektoren stellt sich die Frage: Wie lässt sich noch rechtzeitig Wert heben – bevor Restrukturierungsbedarf in Stilllegung umschlägt?
Fazit
2025 ist ein Jahr der Gegensätze im Distressed-M&A-Markt: Einerseits steigt die Zahl insolventer Unternehmen weiter, andererseits sinkt die Zahl erfolgreicher Transaktionen im Verhältnis zur Marktgröße. Kapital ist vorhanden – doch es wird selektiv und strategisch eingesetzt. Die Zeit der schnellen Schnäppchen ist vorbei.
Wer in diesem Umfeld bestehen will – als Käufer oder Verkäufer – muss Distressed-M&A neu denken. Erfolgreiche Transaktionen sind heute kein Ergebnis reiner Opportunität, sondern strategischer Vorbereitung:
- Käufer brauchen klare Werthebel: Nur Targets mit belastbaren Geschäftsmodellen, Effizienzpotenzialen und Marken- oder Technologiewert haben eine Chance.
- Verkäufer müssen frühzeitig strukturieren: Der „gesunde Kern“ muss identifiziert und herausgelöst, finanziell sauber aufbereitet und professionell vermarktet werden – mit klarem Blick auf internationale Investoren.
- Datenbasierte Entscheidungsgrundlagen sind entscheidend – insbesondere in Carve-out-Szenarien. Wer transparente Finanzinformationen liefert, erhöht seine Verkaufschancen massiv.
- Geschwindigkeit ist ein Wettbewerbsvorteil: Verzögerte Prozesse führen häufiger zur Insolvenz statt zum Exit.
Nicht zuletzt stellt sich zunehmend die Frage, welchen Preis wir dafür zahlen, wenn Know-how und Markenwert dauerhaft ins Ausland abfließen. Distressed M&A ist keine rein technische Transaktion – sondern kann auch wirtschaftspolitisch ein sensibles Spielfeld sein. Wer nicht handelt, könnte verlieren – nicht nur Marktanteile, sondern Substanz.