Anstieg der Insolvenz: Struktureller Wandel in der Wirtschaft

Nachdem das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2023 preisbereinigt um 0,3 % gesunken ist, wird es voraussichtlich auch in diesem Jahr mehr oder weniger stagnieren. Die Doppelkrise der letzten Jahre überfordert zunehmend mehr Unternehmen. So haben im Jahr 2023 rund 18.000 Unternehmen eine Insolvenz angemeldet. Verglichen mit der Finanzkrise 2009 ist die Zahl zwar immer noch recht niedrig.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz vom 25.04.2024

Der Trend zeigt in den letzten Monaten aber stark nach oben. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Anzahl um rund 22 %. Dem Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zufolge sind im März 1.297 Personen- und Kapitalgesellschaften in die Insolvenz gegangen. Das ist der höchste Wert seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 2016. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei den Betriebsaufgaben zu beobachten. Ein Teil der Zunahme dürfte auf nachgeholte Marktaustritte aus der Zeit der Corona-Pandemie zurückgehen.

Strukturelle Wachstumsschwäche

Schwerer als die aktuelle konjunkturelle Eintrübung wiegt aber, dass auch der mittel- bis langfristige Ausblick für die deutsche Volkswirtschaft kaum besser ist. Die Projektionen des Sachverständigenrates Wirtschaft aus dem Jahresgutachten 23/24 zeigen, dass das Wachstum des Produktionspotenzials in diesem Jahrzehnt durchschnittlich nur noch bei 0,4 % pro Jahr liegen dürfte. Ein historisch niedriger Wert – in den 2010er Jahren lag er noch bei 1,4 %.

Mehrere strukturelle Herausforderungen belasten die mittelfristigen Wachstumsaussichten. So wird der bevorstehende Renteneintritt der Babyboomer Generation die bereits jetzt allgegenwärtigen Engpässe bei Fachkräften noch einmal deutlich verstärken. Die zunehmende Alterung der Bevölkerung dämpft damit das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Zudem müssen die Digitalisierung und zugleich die grüne Transformation der Wirtschaft weiter vorangetrieben werden. Darüber hinaus ist die Resilienz der Herstellungsketten und zur Sicherheitspolitik aufgrund der geostrategischen Entwicklungen der vergangenen Jahre wichtiger geworden.

Strukturwandel unterstützen

Die genannten strukturellen Herausforderungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Unternehmenslandschaft verändern. Insbesondere werden sich einige Geschäftsmodelle – im Kleinen wie im Großen – radikal ändern oder neuen Ideen weichen müssen. Dies kann eine Chance für steigendes Wachstum sein, wenn man nicht auf dem Erhalt des bestehenden Modells beharrt, sondern sich die Wirtschaftsstruktur den geänderten Rahmenbedingungen anpasst. Gerade aufgrund des absehbaren Rückgangs des Arbeitsvolumens gewinnt das Produktivitätswachstum an Bedeutung. Dafür ist entscheidend, dass die Produktionsfaktoren – Arbeit und Kapital – von vergleichsweise weniger produktiven zu hochproduktiven Unternehmen und Wirtschaftsbereichen fließen. Dazu gehört aber auch, dass einige alte Unternehmen ausscheiden. Die Intensität dieses Reallokationsprozesses ist aber seit vielen Jahren rückläufig. Immer weniger Unternehmen verlassen den Markt oder kommen neu dazu. Wie es die Deutsche Bundesbank zuletzt in einem ihrer Monatsberichte ausführlich diskutiert hat, belastet diese abnehmende Dynamik das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum.

Das Ziel wirtschaftspolitischen und privatwirtschaftlichen Handelns muss dabei sein, den strukturellen Wandel zu unterstützen und nicht den Status quo teuer zu verteidigen. Nur so lässt sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum der deutschen Volkswirtschaft langfristig sichern. Wenn diese Entwicklungen nicht im Inland stattfinden, riskiert Deutschland gegenüber anderen Volkswirtschaften immer mehr den Anschluss zu verlieren. Insbesondere neue Querschnittstechnologien, wie etwa Künstliche Intelligenz, haben das Potenzial, die Produktivität der gesamten Volkswirtschaft zu erhöhen. Die Reallokation von Ressourcen zwischen Unternehmen und Wirtschaftsbereichen hilft dabei, neue Technologien und Ideen branchenübergreifend zu verbreiten.

Reallokation und schöpferische Zerstörung

Das vom österreichischen Ökonom Joseph Schumpeter geprägte Konzept der schöpferischen Zerstörung beschreibt eben diesen Prozess. Zum einen erhöhen neue produktive Unternehmen den Wettbewerbs- und Innovationsdruck bei etablierten Unternehmen. Diese müssen sich an die neuen Technologien und Rahmenbedingungen anpassen oder sie werden verdrängt. Zum anderen schafft das Ausscheiden weniger produktiver Unternehmen Platz für das Wachstum neuer Ideen. Marktanteile und Produktionsfaktoren, insbesondere qualifizierte Fachkräfte, können von produktiveren Wettbewerbern übernommen werden.

Schlussendlich hilft der Prozess der schöpferischen Zerstörung, die knappen Ressourcen in einer Volkswirtschaft so effizient wie möglich einzusetzen. Dies ist umso notwendiger angesichts der strukturellen Herausforderungen. Beispielsweise fehlende Fachkräfte, gestiegene Energiepreise und höhere Anforderungen an die Lieferkette werden bestimmte Geschäftsmodelle belasten. Gleichzeitig kann die Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen fehlende Arbeitskräfte ersetzen. Gestiegene Energiepreise erhöhen den Anreiz für Innovationen im Bereich der Energieeffizienz. Gesamtwirtschaftlich kann eine Verschiebung der Wertschöpfung im Inland zu forschungsintensiven Wirtschaftsbereichen die Produktivität erhöhen und so die Wachstumsaussichten langfristig sichern.

Rahmenbedingungen stärken

Damit diese Marktprozesse richtig funktionieren, müssen die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Neben den Anforderungen an das Wettbewerbsrecht, betrifft dies vor allem das Insolvenz- und Restrukturierungsrecht. Eine im Jahr 2021 vom Sachverständigenrat Wirtschaft eingeholte Expertise zeigt, dass der RestrukRestrukturierungsrahmen insbesondere bei kleinen und Kleinstunternehmen trotz der Reformen im Jahr 2021 immer noch unzureichend ist. Aufgrund der geringen Haftungsmasse kommt ein geordnetes Insolvenzverfahren für diese Unternehmen meist nicht in Frage. Dann bleibt meist nur der Weg in die Privatinsolvenz. Durch eine schnellere Entschuldung in diesen Fällen, könnte ein unternehmerischer Neuanfang unterstützt und so unternehmerische Potenziale gesichert werden.

Abschließend ist auch die Wirtschaftspolitik in der Verantwortung. Die empirische Evidenz zeigt, dass Insolvenzen und Betriebsschließungen in Deutschland während konjunktureller Schwächephasen zunehmen. Im Sinne der schöpferischen Zerstörung kann eine solche – in der Fachliteratur oft Cleansing-Effekt genannte – Entwicklung die gesamtwirtschaftliche Produktivität sogar steigern. Dementsprechend sollten staatliche Eingriffe in einer solchen Situation wohl überdacht sein. Nichtsdestotrotz können etwa geostrategische Überlegungen rechtfertigen, Unternehmen zu stützen, die sich ansonsten betriebswirtschaftlich nicht rechnen. Der bloße Erhalt des Status quo sollte aber nicht entscheidend sein. Viel eher sollten junge, innovative Wachstumsunternehmen gefördert werden, etwa durch eine Stärkung des zur Verfügung stehenden Wagniskapitals.

Der Prozess der schöpferischen Zerstörung hilft, die knappen Ressourcen in einer Volkswirtschaft so effizient wie möglich einzusetzen.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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