Dringend gesucht: Führungskräfte mit grünem Daumen

Zu viel und nicht zu Ende gedacht, zu teuer und zu bürokratisch: Die Wirtschaft hat in Sachen Nachhaltigkeit noch einiges zu stemmen. Seien es die Emissionsziele von Net Zero, nervenaufreibende Genehmigungsverfahren für Solardächer und Windkraftanlagen, sportliche Berichterstattungspflichten aus Brüssel oder die Erwartungshaltung der Gen Z – Nachhaltigkeit bindet enorme personelle und finanzielle Kapazitäten. Viele Unternehmen haben in den Reaktionsmodus geschaltet, um mit der Veränderung Schritt zu halten.

Der Punkt ist: Es gibt kein Zurück. Regulierung mag sich ändern, vernünftiger und pragmatischer werden. Aber grundsätzlich führt an CO2-Neutralität, einem verantwortungsbewussteren Umgang mit den natürlichen Ressourcen und dem Schutz von Biodiversität kein Weg vorbei. Vor diesem Hintergrund hat sich längst ein „Big Picture“ der ökologischen Transformation herausgebildet. Zukunftsforscher sprechen vom Megatrend „Neo-Ökologie“. Dieser Begriff macht unmissverständlich deutlich: Nachhaltigkeit durchdringt als Anspruch und Ambition alle Handlungsfelder eines Unternehmens. Mir kommt unweigerlich der alte Wahlkampfslogan von Bill Clinton in den Sinn: Mit „It´s the economy, stupid!“ wurde er US-Präsident. Heute würde es vielleicht heißen: „It´s sustainability, stupid.“ Oder angelehnt an den Philosophen Arthur Schopenhauer: Nachhaltigkeit ist vielleicht nicht alles, aber ohne Nachhaltigkeit ist alles nichts.

Die grüne Wende verlangt eben nicht nur eine ungeheure operative Anstrengung angesichts immer neuer Gesetze und rechtlicher Vorgaben, sondern längst auch eine holistisch-strategische Perspektive. Wie sich Unternehmen in der noch ungewohnten Neo-Ökologie wettbewerbsfähig positionieren, ist eine entscheidende Zukunftsfrage und erfordert adäquate Führung. Dringend bis verzweifelt werden deshalb Führungskräfte mit grünem Daumen gesucht, die die Organisation, die Unternehmensbereiche und die Teams auf die Nachhaltigkeitsthemen einschwören. Damit dieser Change-Prozess gelingt, darf ein oft zu beobachtender Fehler bei der Auswahl von Führungspersönlichkeiten nicht wiederholt werden: Keine Expert:innen und absoluten Fachleute gehören an die Spitze, sondern Frauen und Männer mit ausgeprägter Führungskompetenz. Persönlichkeiten á la Jürgen Klopp für den FC Nachhaltigkeit, wenn man so will. Von ihrem Selbstverständnis her agieren sie als Coaches und Katalysatoren. Sie beschleunigen und strukturieren den Wandel, schaffen optimale Rahmenbedingungen und Entfaltungsräume für die Mitarbeitenden und verbinden diese Strategie immer wieder mit der Organisationsstruktur. Unter ihrer Führung genießen die Mitarbeitenden einen hohen Grad an Autonomie und weitreichendes Vertrauen, können sich auf eine klare Kommunikation verlassen und kennen ihre Rollen und Ziele. So lassen sich die Löwen entfesseln, die strategische Initiativen ergreifen sowie in ihren Teams, in Reallaboren und in Pilotprojekten grüne Zukunftsperspektiven entwickeln.

Ein strategisches Framework, auf das sich Führung stützen und an dem sich die Belegschaften orientieren können, gibt es auch bereits: die Circular Economy. Bei diesem Thema herrscht leichte Begriffsverwirrung, denn auf Deutsch übersetzt heißt es ja nichts anders als Kreislaufwirtschaft. Leider wird dieser Begriff als Folge des gleichnamigen Gesetzes zu sehr auf das Thema Abfallvermeidung und -behandlung sowie Recycling reduziert. Circular Economy ist aber viel mehr: ein konsequentes Denken und Handeln in Stoffkreisläufen und möglichst langen Lebenszyklen von Produkten, das sich in hohem Maße positiv auf die CO2-Emissionen, den Rohstoffeinsatz und die Biodiversität auswirkt. Das Konzept der Circular Economy ist wiederum so komplex, dass Führungskräfte hier mit all ihren Sinnen und Fähigkeiten gefragt sind. Dazu gehört auch das Stakeholder-Management, denn viele Aspekte sind grundsätzlicher Natur und lassen sich nur im Zusammenspiel mit Forschung und Lehre, Verbänden und Politik lösen.

Wer ist zu all dem in der Lage? Es sind Führungskräfte mit Integrität und Charisma, die kritisch, problembewusst und systemorientiert denken, vor komplexen und mehrdeutigen Themen nicht zurückschrecken, ein hohes Maß an Empathie mitbringen und auf Partnerschaftlichkeit setzen. Vor allem reflektieren sie ihre Führungsprinzipien und sind an ihrer Weiterentwicklung interessiert – nicht nur karrieretechnisch, sondern als Persönlichkeit. Ist es nicht spannend, dass eine Untersuchung des Liz Mohn Instituts zu Führungsqualitäten im ökologischen Wandel genau dieses Profil zutage fördert, das ja eigentlich für alle transformativen Herausforderungen, auch im Bereich Digitalisierung, benötigt wird?

Im Recruiting und Employer Branding ist der Wettbewerb um Führungskräfte dieses Formats voll entbrannt. Und keine Frage: Unternehmen müssen Qualifizierung und Persönlichkeitsentwicklung von Führungstalenten und etablierten Kräften auf dieses Level heben. Nur so kommen sie letztlich heraus aus der operativen Hektik der ökologischen Transformation und hinein in die dringend benötigte, strategische Weitsicht.

Dr. Thomas M. Fischer - CEO, Allfoye  Aufsichtsrat, Bauer Gruppe
Dr. Thomas M. Fischer CEO, Allfoye – Aufsichtsrat, Bauer Gruppe

Über den Autor
Dr. Thomas M. Fischer ist Gründer & CEO der Allfoye Managementberatung, Mitglied in mehreren Aufsichtsräten (u.a. der Bauer Gruppe) sowie Company-Builder & Investor. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet von Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsstrategien für den Mittelstand. Für seine Buch-Veröffentlichung „Einfach stark!“ hat er 25 Geschäftsführer:innen befragt und auf 135 Seiten die Faktoren beschrieben, welche diese Unternehmen besonders resilient machen.