Liquiditätsangst als zentrales Missverständnis
Im Mittelpunkt der Debatte steht die Befürchtung, dass Kundeneinlagen durch den Digitalen Euro aus dem Bankensystem abfließen könnten. Dieses Szenario ist jedoch kein realistisches Basisszenario, sondern eine Fehlinterpretation. Der Digitale Euro ist kein zusätzlicher Abflusskanal. Er fungiert vielmehr als funktionales Surrogat. Geld verlässt das Bankensystem heute physisch, indem es bar am Automaten abgehoben wird. Künftig kann derselbe Betrag alternativ als Digitaler Euro in einem CBDC-Wallet gehalten werden. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Volumen, sondern in der Kundenbeziehung.
Kundenbeziehung statt Bedeutungsverlust
Bargeld entzieht sich weitgehend der Sichtbarkeit der Banken. Diese Grundlogik wird auch durch den Digitalen Euro nicht verändert. Er ist ebenso wie Bargeld ein datenschutzfreundliches Zahlungsmittel. Über die Integration von Wallet-Infrastruktur in das Daily-Banking können Banken drei strategische Vorteile erzielen. Zum einen bleibt die Bank Ansprechpartner für ihre Kunden. Überlässt man die Rolle an der Schnittstelle anderen, droht ein Verlust der Kundenbeziehung. Beispielsweise wickeln Technologieanbieter wie PayPal, Apple Pay und Google Pay heute bereits zusammen rund ein Drittel des europäischen E-Commerce-Volumens ab.1 Darüber hinaus sinkt die Abhängigkeit von kostenintensiver Bargeldinfrastruktur wie Geldautomaten und Geldtransporten. Allein in Deutschland sind rund 51.000 Geldautomaten in Betrieb, die fortlaufende Infrastrukturkosten verursachen.2 Ebenso behalten Wallet-Infrastruktur-Anbieter die Deutungshoheit über Liquiditätstransfers. Aus dieser Deutungshoheit lassen sich neue Ertragsquellen in der Liquiditätssteuerung erschließen. Der Digitale Euro bedeutet somit keinen Verlust der Kundenbeziehung. Er bietet die Chance, bestehende Zahlungsangebote um neue Services und Erlösmodelle zu erweitern.
Investitionen sind unausweichlich, aber gestaltbar
Unstrittig ist, dass der Digitale Euro Investitionen erfordert. Wallet-Infrastrukturen, Schnittstellen, Compliance-Prozesse und die Integration in bestehende Kernbanksysteme müssen angepasst werden. Entscheidend ist jedoch, wie diese Umsetzung erfolgt. Die Höhe der Investitionen hängt maßgeblich von der Umsetzungstiefe ab. Banken, die auf vollständig eigenentwickelte Infrastrukturen setzen, tragen deutlich höhere Kosten. Dort, wo gemeinsame Plattformen, modulare Architekturen oder arbeitsteilige Modelle genutzt werden, lassen sich erhebliche Synergien realisieren. Der Digitale Euro erzwingt keinen isolierten Eigenbau. Teuer ist nicht der Digitale Euro, sondern die Entscheidung, ihn ohne Kooperation umzusetzen.
Der Digitale Euro ist gekommen, um zu bleiben
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Banken sich mit dem Digitalen Euro befassen müssen, sondern wie. Entweder als rein regulierungsgetriebene Abwickler oder als aktive Gestalter eines neuen europäischen Zahlungsökosystems. Gerade in der aktuellen Phase verstellt die Liquiditätsangst vieler Institute den Blick auf diese strategische Weggabelung.
Konkrete Einblicke in Umsetzungsrealitäten, Marktmechaniken und strategische Handlungsoptionen für Banken liefert die Paneldiskussion von Prof. Dr. Alexander Schroff, u. a. mit Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und Melanie Kehr, Mitglied des Vorstands der KfW Bankengruppe, am 2. September um 16:55 Uhr beim Handelsblatt Bankengipfel.
Über den Autor: Alexander Schroff verantwortet bei Publicis Sapient, einem Technologieunternehmern für Enterprise-AI-Plattformen und Strategy-Consulting-Services, die Leitung der Financial Services Practice in der DACH-Region.
¹ Mordor Intelligence, Europe Digital Payments Market, 2026; ergänzt um die Experteneinschätzung von Alexander Schroff.
² Deutsche Bundesbank, Monatsbericht März 2025; ergänzt um die Experteneinschätzung von Alexander Schroff.
Fotocredit ist Publicis Sapient.
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