Die transformative Macht der KI

Auch wenn immer mehr Topmanager erkennen, welches Potenzial in der KI liegt, stoßen sie oft auf erhebliche kulturelle und strukturelle Hindernisse. Meistens fehlt Ihnen die Erkenntnis, dass sich Prozesse ändern müssen, um die KI nutzbar zu machen, und dass für den erfolgreichen Einsatz komplett neue Zusammenarbeitsmodelle gefragt sind. Bei vielen Managern scheint das geradezu ein blinder Fleck zu sein. Sie wollen probate Managementmethoden wie hierarchische, funktionale Unternehmensstrukturen und Top-down-Entscheidungen oder unflexible Projektmanagementansätze, die sie einst lernten, weiterhin anwenden.

Odoi

Als ich damals Teil des Managementteams sein durfte, das um 2015 künstliche Intelligenz bei Amazon nach vorn bringen sollte, und mich fühlte wie einer, der mithalf, eine ganze Branche zu revolutionieren, da spürte ich tatsächlich diesen Pioniergeist, den ich Ihnen heute wünsche. Anfangs hatten wir überzogene Erwartungen an die Fähigkeiten der neuen Technologie. Der Amazon-Gründer Jeff Bezos und das Topmanagement in Seattle nannten sie in Anspielung auf Star Wars scherzhaft »die Macht«. Allerdings folgte recht schnell die Erkenntnis, dass es beim Automatisieren von Kernprozessen und beim erfolgreichen Etablieren von künstlicher Intelligenz im Unternehmen um mehr ging als nur um Technologie. Wir erkannten: Es ging um die Anpassung von Organisationsstrukturen, Prozessen, Anreizsystemen sowie um intensives Change-Management. Nur so ließen sich die Voraussetzungen schaffen, unter denen KI ihr Potenzial überhaupt erst entfalten kann. Das sind zentrale Management- aufgaben!

Komplett verstanden habe ich diese Zusammenhänge und Wechselwirkungen erst einige Jahre später. Da wechselte ich von der Geschäftsverantwortung als Business Unit Lead für Amazon in Deutschland und Großbritannien in die Rolle des Head of Sales bei Amazon Web Services (AWS), der Cloud-Technologie-Tochter von Amazon, und verknüpfte die Businessperspektive mit der technischen Sichtweise. Hier habe ich erst verstanden, was genau die Erfolgsfaktoren von Amazon im Rahmen des sogenannten

»Hands off the Wheel«-Programms zur KI-Einführung waren. In dieser Zeit bei AWS konnte ich viele meiner Geschäftskunden dabei unterstützen, KI erfolgreich einzusetzen, sei es bei der Personalisierung der Kundenansprache oder bei der Prognose von Absätzen. Es waren spannende Pilotprojekte, die sich häufig zu Programmen in den Unternehmen entwickelten.

Seither teile ich meine Erfahrungen im Rahmen von Management-Retreats, Impulsvorträgen auf Events oder bei Kamingesprächen mit Vorständen. Und ich darf fest- stellen: Zum Glück kommt die positive Sicht auf die KI in den DAX-Unternehmen Deutschlands langsam an. Deren Entscheider sehen in den neuen KI-Anwendungen keinen Hype und sie haben kaum Berührungsängste. Sie sehen in der KI einen wesentlichen Faktor für ihren zukünftigen Erfolg, wollen neue Erkenntnisse gewinnen, Prozesse effizienter gestalten und Umsätze steigern, indem sie ihre Kunden personalisiert ansprechen und neue Geschäftsfelder erschließen. Laut einer Umfrage des Handelsblatts gehen 70 Prozent dieser Topmanager sogar davon aus, dass sich ihr Geschäftsmodell unter Einsatz der KI in den nächsten Jahren verändern wird.[1] Und es stimmt mich zuversichtlich, wenn nach einer McKinsey-Studie[2] klar wird: Unter- nehmen mit einer umfangreichen Expertise und überdurchschnittlichem Investment im Bereich der KI-Implementierung schaffen es, ihre Zielgrößen nachhaltig und messbar zu steigern. Und sollten Sie nun das Argument auf den Tisch legen, die Kosten für die Implementierung seien zu hoch, dann darf ich Ihnen widersprechen: Durch den

Einsatz der KI reduzierten sich nach Studienlage die Unternehmenskosten bei vielen dieser Vorreiter in den entsprechenden Bereichen um mindestens zehn Prozent: in der Verwaltung, in der Produktion und im Supply-Chain-Management.

Von blinden Flecken und veralteten Managementmethoden

Auch wenn immer mehr Topmanager erkennen, welches Potenzial in der KI liegt, stoßen sie oft auf erhebliche kulturelle und strukturelle Hindernisse. Meistens fehlt Ihnen die Erkenntnis, dass sich Prozesse ändern müssen, um die KI nutzbar zu machen, und dass für den erfolgreichen Einsatz komplett neue Zusammenarbeitsmodelle gefragt sind. Bei vielen Managern scheint das geradezu ein blinder Fleck zu sein. Sie wollen probate Managementmethoden wie hierarchische, funktionale Unternehmensstrukturen und Top-down-Entscheidungen oder unflexible Projektmanagementansätze, die sie einst lernten, weiterhin anwenden. Sie lassen die KI-Verantwortung in der IT-Abteilung. Dort wird sie gehütet wie der Heilige Gral. Gleichzeitig erwarten die Manager aus den Fachbereichen, dass die IT mit künstlicher Intelligenz – gleich einem Zauberstab – ihre Probleme in Isolation löst. Das ist unmöglich! Unternehmen, die es schließlich schaffen, die ersten KI-Pilotprojekte erfolgreich in den produktiven Betrieb zu überführen, und anfänglich Fortschritte erzielen, benötigen oft Monate oder Jahre, bis durchgängige unternehmensweite Erfolge erzielt werden. Häufig stehen sie vor Herausforderungen beim Übergang von Pilotprojekten zu umfassenderen Programmen.[3]

Wenn wir einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, fällt uns die Anwendung der Elektrizität und der Übergang von der Dampfmaschine im frühen 20. Jahrhundert ins Auge. Ähnlich wie heute mussten Unternehmer auch damals begreifen, wie sie die Möglichkeiten der Elektrizität für ihr Kerngeschäft nutzen können. Komplette Produktionslinien konnten plötzlich flexibler und platzsparender gestaltet werden. Ingenieure waren gefordert, neue Geräte zu entwickeln, die von Elektrizität angetrieben werden, beispielsweise Kühlschränke. Die Entwicklung neuer Prozesse, die Identifikation neuer Geschäftsfelder wie Telekommunikation und die Investition in die Weiterbildung der Mitarbeiter forderte jeden Unternehmer und brachte damit Herausforderungen mit sich, die nicht allein von Elektrotechnikern und Physikern gemeistert werden konnten. Dasselbe gilt heute auch für künstliche Intelligenz.

Schließlich wird der Einsatz von KI belastet durch Bedenkenträger. Das bremst den Prozess in Unternehmen und gibt einem Mutmangel Vorschub. Auch wenn sich Risiken nicht wegdiskutieren lassen, ist es sicher keine Option abzuwarten. Denn letzt- endlich werden Unternehmen, die das volle Potenzial von KI nicht ausschöpfen können, von ihren Wettbewerbern auf den Weltmärkten immer stärker an den Rand gedrängt werden. Ein drohendes Beispiel sind sicherlich die führenden Tech-Unter- nehmen: Facebook (Meta), Apple, Microsoft, Amazon, Netflix und Google (FAMANG), die ihre Marktsegmente in großen Teilen der Welt dominieren – nicht zuletzt durch den überlegenen Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Lassen Sie uns deshalb die KI nicht länger abstrakter und technischer darstellen, als sie wirklich ist, und sie zu einem Fremdkörper im Unternehmen machen. Lassen Sie uns die KI endlich aus den Forschungslaboren befreien, damit sie die Kraft entfalten kann, die ihr heutzutage so oft zugesprochen wird.

Das alte Spiel aus Frage und Antwort

Dass KI keine Raketenwissenschaft ist, sondern eine praxisnahe, sogar alltagstaugliche Anwendung, beweist ChatGPT. Das von OpenAI entwickelte Modell ist einfach in der Nutzung und formuliert und korrigiert Artikel, E-Mails und sogar Software-Code, fasst Texte zusammen und unterstützt sogar beim Verfassen von individuellen Gedichten oder einer Gutenachtgeschichte für den Nachwuchs.

Wenngleich diese Anwendung nur einen möglichen Einsatzbereich von KI abbildet, uns nur eine Ahnung davon gibt, was in Zukunft möglich sein wird, so ist der Start dieses Programms doch bemerkenswert und ein Beweis für den Einfluss von KI. Öffentlich nutzbar wurde ChatGPT im Oktober 2022. Seitdem hat es sich rasend schnell verbreitet und hat innerhalb von gerade einmal fünf Tagen so viele Nutzerinnen und Nutzer gewonnen wie Instagram in 2,5 Monaten oder Netflix in 3,5 Jahren.[4] Mehr als ein Viertel aller Angestellten in den USA nutzt bereits ChatGPT bei der täglichen Arbeit und profitiert auf diese Weise von der KI.[5] Warum? Weil durch dieses Programm aus allen jemals menschengeschriebenen Texten die für sie passende Antwort herausgefiltert wird, weil es ihnen Zeit und Denkarbeit erspart, weil es sich einen Überblick über die erfolgsversprechenden Formulierungen, Argumente und Fakten verschafft und ihnen diese quasi auf dem Silbertablett serviert. Und damit nicht genug: Der kleine Bruder von ChatGPT heißt Midjourney und besitzt vergleichbare Fähigkeiten für die Generierung von Bildern und Videos. Ich weiß, Werbetexter, PR-Manager, Grafiker und viele andere Content Creator zucken bei der Vorstellung zusammen, dass bald schon die meisten Texte, Logos und Produktdesigns auf diese Weise entstehen werden.

Auch wenn der Hype um ChatGPT etwas überzogen ist, liegt der wahre Segen dieser relativ einfach zu bedienenden Anwendung doch darin, dass sie vielen Managern das transformative Potenzial dieser Technologie vor Augen geführt hat. Alex Karp, CEO von Palantir, einer US-Firma, die Unternehmen den Bau von maßgeschneiderten KI-Modellen ermöglicht, mit Kunden wie Airbus, der amerikanischen Großbank Mor- gan Stanley oder dem Pentagon, hat es pointiert auf den Punkt gebracht: „Jetzt ist es an der Zeit, mit KI Gewinne zu schreiben anstelle von Gedichten“[6]

 

Dieser Beitrag stammt von Dr. Tawia Odoi, einem Mitglied der Geschäftsführung bei Lidl Digital International, ehemaliger Manager bei Amazon und AWS, Buchautor und Speaker. Ursprünglich veröffentlicht wurde der Text unter dem Titel ‚KI-Exzellenz – Erfolgsfaktoren im Management jenseits des Hypes‘ im Haufe Verlag im März 2024. Weitere Informationen sind auf der Website www.ki-exzellenz.com verfügbar.

[1] Jahn, T.; Scheppe, M. (2023): »iPhone-Moment« – 70 Prozent der DAX-Konzerne sagen, dass KI ihr Geschäftsmodell verändert. Handelsblatt, 26.06.2023

[2] McKinsey (2019): Global AI Survey: AI proves its worth, but few scale impact

[3] Fountaine, T.; McCarthy, B.; Saleh, T. (2019): Getting AI to scale. Harvard Business Review, 99(3), 2021, S. 116–123.

[4] Statista (2023): Threads shoots past one million user mark at lightning speed.

[5] Naidu, R.; Coulter, M.; Lange J. (2023): ChatGPT fever spreads to US workplace, sounding alarm for some. Reuters

[6] Palantir (2023): Q3 Earnings. Webcast, https://investors.palantir.com/events