Der Erfolg von Unternehmen wird künftig davon geprägt sein, sich flexibel an Krisen anzupassen, Chancen zu nutzen und geopolitische Verschiebungen früh zu erkennen. Dies bedeutet auch, die eigene Strategie entsprechend auszurichten und vor allem geopolitisches Denken in unternehmensinternen Prozessen mit konkreten Maßnahmen zu verankern.
Neuordnung der internationalen Beziehungen – Strategische Rivalität und Konfliktherde
Eurasien steht nach einer langen Periode der Stabilität im Zentrum aktueller Konflikte. Ob am westlichen – europäischen – Ende, wo Russland mit dem Überfall auf die Ukraine seine eurasischen Vorstellungen in chauvinistische, kriegerische Politik gießt, oder an der unteren, nahöstlichen Flanke, wo der Krieg zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas zu einem regionalen Flächenbrand eskalieren kann. Die über allem stehende Frage ist gleichwohl, ob die aktuelle machtpolitische Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und China auch im asiatischen Teil in eine direkte militärische Konfrontation übergeht. Bei aller Sorge um das Leid und die Zerstörung in unmittelbarer Nachbarschaft müssen die europäische Politik sowie hiesige Unternehmen auch den Blick nach Osten, genauer: auf den indopazifischen Raum, lenken. Dort entscheidet sich, wer zukünftig die Landmasse von Lissabon bis Wladiwostok, von Spitzbergen bis nach Shenzhen, dominieren wird. Eines wird dabei sehr deutlich: die globale Gemeinschaft ist gespalten und dies hat massive militärische und wirtschaftliche Konsequenzen. Vor allem die intensiven wirtschaftlichen Verflechtungen vieler Staaten im Indo- Pazifik mit China und der Anspruch Chinas, die USA als Führungsmacht in der Region abzulösen, stellen die asiatischen Staaten vor große Herausforderungen. Gepaart mit der Furcht vor den Folgen der strategischen Allianz zwischen Peking und Moskau kommt derzeit eine Aufrüstungsspirale in Gang. So war es der japanische Premierminister Fumio Kishida, der Anfang dieses Jahres in einer Grundsatzrede die Bedeutung des russischen Einmarschs in der Ukraine als „Moment der Wahrheit“ für sein Land bezeichnete. Gleichzeitig kündigte er an, dass Japan seine Militärausgaben von ein auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung verdoppeln werde. In Deutschland hingegen kann die Bundesregierung nur einen Bruchteil dieser Summe veranschlagen und dies nur auf Zeit und über eine Sonderverschuldung. Aus der Zeitenwende wird eine Zeitlupenwende.
Die Welt von Morgen: Systemfragen, Werte und Machtansprüche
Der aktuelle geopolitische Umbruch geht weit über die Frage nach einer möglichen neuen Sicherheitsarchitektur hinaus. Denn in der strategischen Rivalität zwischen Staatenblöcken, die nicht zu verwechseln sind mit denen des Kalten Krieges, vermischen sich Macht- und Wertepolitik mit unterschiedlichen Systemansätzen. Dabei gibt es Tendenzen, dass sich die Welt in einen „westlichen“ demokratischen und einen autokratischen Block aufspaltet. Russland und China, die wichtigsten Herausforderer der Vereinigten Staaten, verfolgen eine gemeinsame Agenda, die darauf abzielt, die regelbasierte Ordnung zu schwächen. Damit steigt die Gefahr, dass auf der einen Seite autokratische Regime ihre regionalen und globalen Ansprüche durch ihre Ressourcenvormachtstellung strategisch durchsetzen und auf der anderen Seite die liberale Wirtschaft sich im Hinblick auf die Rohstoffversorgung enger mit autoritären Regimen zusammenschließt. Im Technologiesektor wird der Versuch zur Schaffung einer neuen Weltordnung durch die Entkopplung von Standards besonders deutlich vorangetrieben. Auch „Renationalisierungen“ könnten mittelfristig eine globale Spaltung entlang der politischen Systemstruktur nach sich ziehen. China zieht sich beispielsweise Schritt für Schritt aus finanzpolitischen Verknüpfungen mit den USA zurück – allein über die letzten 10 Jahre hat China seinen Bestand an US-Staatsanleihen um 40% reduziert. Es wird deutlich wie sehr geopolitische Entwicklungen und die höhere Frequenz globaler Krisen unternehmerisches Handeln mitbestimmen.
Energiepreise, Rohstoffe, Lieferketten – Geopolitik als Achillesverse von Unternehmen
Ebenso wie nationale Regierungen müssen global tätige Unternehmen und Investoren ihre Strategie den neuen Gegebenheiten anpassen. Die verstärkte Blockbildung der internationalen Politik führt zu einer stärkeren Lokalisierung der Liefer- und Wertschöpfungsketten, Absatzmärkte verändern sich und Sanktionen sowie secondary sanctions, spielen eine größere Rolle. Kurzum: Bislang geltende Geschäftslogiken sind in dieser neuen Weltordnung nicht mehr gültig. Insbesondere Deutschland hat in den letzten zwei Jahrzehnten keine vorausschauende, strategische Sicherheitspolitik betrieben. Außenund Wirtschaftspolitik, Entwicklungszusammenarbeit und Militärstrategie werden von der Bundesregierung nicht ganzheitlich gedacht. Seit Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine führt das mangelhafte vorausschauende Handeln zu massiven Auswirkungen auf die Energieversorgung und -preise oder die Versorgung mit Primärrohstoffen in Deutschland ebenso wie in der gesamten EU. So wurde zum Beispiel durch den Wegfall russischer Lieferanten aufgrund der aktuellen Sanktionen der für Batteriezellen von Elektroautos unabdingbare Nickel knapp. In der Flugzeugindustrie machte sich ein Preisanstieg bei dem für die Flugzeugstruktur benötigten Aluminium schnell bemerkbar. Chinesische Exportbeschränkungen wie z.B. von Gallium und Germanium lassen die Nervosität in deutschen Vorstandsetagen schnell wachsen. Die Entkoppelung von Wirtschaftsräumen und Wertesystemen erhöht damit den Druck auf die deutsche Industrie, ihre Struktur und Internationalisierung an eine neue Weltordnung strategisch anzupassen. Ein volatiles Marktumfeld mit hohen Energiepreisen, komplexen Lieferketten und vermehrten Sanktionen ist schon heute real und wird sich noch stärker ausprägen. Darüber hinaus werden sich Unternehmen zunehmend politisch positionieren müssen.
Welt im Umbruch: Was bedeutet dies konkret für die Industrie?
Für Unternehmen ist eine flexible und resiliente geopolitische Strategie ausschlaggebend, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine solche Strategie setzt voraus, dass Unternehmen ihr Verständnis für die Vielzahl an Vorgängen im globalisierten Kontext stärken und vorausschauend handeln. Geopolitische Faktoren müssen in Lieferkettenund Investitionsplanungen einbezogen werden und Partnerländer auf ihre politische Stabilität und Zuverlässigkeit geprüft werden. Andernfalls besteht die Gefahr von Versorgungsproblemen und Fehlinvestitionen. In die „Toolbox“ geopolitischer Maßnahmen gehören dabei zum einen Krisenszenarien, die über jeden einzelnen Unternehmensbereich getestet werden, von Strategie über Beschaffung, Produktion, Finanzen und Absatz. Auch die Rückholung von Expats im Krisenfall kann ein hoher Aufwand sein oder liquide Mittel können selbst in Milliardenhöhe nicht mehr aus anderen Märkten abgeschöpft werden. Zum anderen helfen konkrete Maßnahmen wie beispielsweise die Verzielung des Einkaufs nicht nur auf Preiseffizienz, sondern auf geopolitische Resilienz bei der Vergabe von Neuverträgen an Zulieferer. Andere Maßnahmen sind u.a. zusätzliche Schutzmaßnahmen der IT-Architektur, die Entwicklung digitaler Zwillingswerke, um im Bedarfsfall schnell verlagern zu können, Diversifizierung bei Roh- und Werkstoffen, Recycling, erweiterte Depothaltung, Aufstockungsklauseln in Zulieferverträgen, eine Streuung des Absatzes über verschiedene Kernmärkte und viele weitere Punkte. Natürlich ergeben sich auch Chancen in Regionen, die bislang weniger auf dem Radar waren. Länder, die sich verhältnismäßig neutral positionieren, wie zum Beispiel Chile und Uruguay in Südamerika oder ausgewählte Staaten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens. In Ostasien wird Japan zum Dreh- und Angelpunkt westlicher Außen- und Wirtschaftspolitik werden. Als bevölkerungsreichstes Land der Erde wird eine Vielzahl an Firmen auch auf Indien schauen. Unternehmensintern ändern sich die Haftungs- und Kontrollpflichten von Vorständen und Aufsichtsräten. Sie werden Antworten auf die geopolitischen Fragen ihrer Aktionäre geben müssen. Die häufig gehegte Hoffnung, „es wird wieder wie vor dem russischen Angriff “, wird sich nicht erfüllen. Der globale Wandel ist einschneidend, am Ende härter als das Ende des Kalten Krieges und nur wer jetzt mutig handelt, sichert langfristigen unternehmerischen Erfolg. ■
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