Eine Bitkom-Studie zu KI und Industrie 4.0 im Jahr 2025 verdeutlicht: 46 Prozent der Unternehmen fürchten, dass die deutsche Industrie die KI-Revolution verschläft. Kein Wunder also, dass viele den sogenannten „DeepSeek-Moment“ als Weckruf für Europa interpretieren.
Die Studie zeigt zudem: China wird in der Implementierung von Industrie 4.0 mittlerweile als führend bewertet – noch vor den USA und vor Deutschland. Für Deutschland, das als Geburtsstätte von „Industrie 4.0“ gilt, ist das bemerkenswert. Mit seiner Strategie Made in China 2025 hat China in kürzester Zeit massiv aufgeholt.
Die Frage lautet daher: Wie stellen wir sicher, dass sich diese Entwicklung im Feld der KI nicht wiederholt?
Daten & Prozesse als Fundament
In meinen 20 Jahren Erfahrung mit Digitalisierungsprogrammen in der Industrie habe ich immer wieder gesehen: Viele Unternehmen starten ehrgeizige KI-Projekte, ohne die nötige Basis zu schaffen: Eine papierlose Fabrik oder ein papierloses Büro mit robuster Daten- und IT-Infrastruktur hat das Potenzial, eine Vorreiterrolle bei KI-Anwendungen einzunehmen. Doch häufig werden Ordner wie Schatztruhen gehütet – und wertvolles Wissen bleibt ungenutzt. Dabei war es noch nie so einfach: Selbst handschriftliche Notizen lassen sich heute mit KI-gestützten Tools digitalisieren.
Aber: „Digitalisation of Waste is still a Waste.“ Wer schlechte Prozesse digitalisiert, vervielfacht nur den Ballast. Erst klare Standards und kontinuierliche Optimierung erzeugen die High-Fidelity-Daten, die KI wirklich benötigt.
Mensch & Kollaboration: Wissen zusammenführen
Menschen bleiben der Schlüssel für erfolgreiche Einsätze von Künstlicher Intelligenz – auch wenn es paradox klingt. KI lernt von Menschen – von ihrem Wissen, ihrer Erfahrung, ihren Entscheidungen.
Ich erinnere mich an einen CIO, der mich fragte, wie er „die Spreu vom Weizen trennen“ könne, nachdem sein Unternehmen über Monate hinweg sämtliche Prozessdaten gesammelt hatte. Die IT-Abteilung wusste nicht, welche Variablen für vorausschauende Wartung relevant sind. Dabei saß das Wissen längst im Haus: Die Ingenieure, die die Maschinen entworfen und die Parameter definiert hatten, wussten genau, welche Handvoll Variablen für bestimmte Fehlerbilder ausschlaggebend sind. Damit dieses Wissen wirkt, braucht es eine enge Zusammenarbeit von IT und OT. Nur, wenn das Ingenieurwissen systematisch in Daten übersetzt wird, kann KI daraus sinnvolle Modelle entwickeln.
Gleichzeitig gilt es, die Ökosysteme entlang der Lieferkette enger zu vernetzen. Ein bemerkenswertes Phänomen in China: Trotz harter Konkurrenz kooperieren Unternehmen intensiv miteinander. So entstehen Netzwerke, in denen Maschinenbauer, Halbleiterhersteller, Softwareanbieter und Anwender eng verzahnt zusammenarbeiten. Das beschleunigt Entwicklungszyklen enorm. Europa dagegen bleibt oft in Silos gefangen – innerhalb der Unternehmen ebenso wie entlang der Wertschöpfungsketten.
Kultur & Can-Do-Spirit: Warum Tempo zählt
Auch die Kultur spielt eine Rolle. In China prägt der gesellschaftliche Leistungsdruck („Juan“) die junge Generation schon im Kindergartenalter. Das führt dazu, dass technologische Adaption in China von Unternehmen wie von der gesamten Gesellschaft gleichermaßen vorangetrieben wird. ROI ist in dieser Frühphase zweitrangig – der Erste siegt, nicht der Beste.
Unterstützt durch staatliche Programme entsteht so ein klarer Glaube daran, dass Innovation sich am Ende lohnt. Dieses Vertrauen gibt auch Investoren Sicherheit: Niemand erwartet, dass der Business Case nach dem ersten Rückschlag sofort revidiert wird.
Handlungsoptionen für Entscheider:innen
Was bedeutet das konkret für die Unternehmensführung? Vier Punkte sind entscheidend:
- Radikale Digitalisierung der Kernprozesse
Schluss mit Papierakten und verstreutem Wissen. Alles, was Daten erzeugt, muss digital erfasst werden. - Prozessstandards und Governance verankern
Höhere Datenqualität erfordert kontinuierliche Prozessoptimierung, regelmäßiges Nachtrainieren der KI-Modelle und eine klare Daten-Governance. - Niemand kann die Transformation allein schaffen
IT und OT enger verzahnen, Silos aufbrechen, Ökosysteme stärken. Transformation gelingt nur im Verbund. - Kulturellen Wandel fördern
Experimente zulassen, ROI nicht vorschnell abwürgen, mehr Can-Do-Spirit wagen.
Fazit: Ein Weckruf für Europa
Beruhigend ist immerhin, dass die Potenziale von KI im Kern der Industrie weltweit noch längst nicht ausgeschöpft sind: Einer MIT-Studie zufolge erzielen rund 95 Prozent der Pilotprojekte keinen ROI. Noch haben wir also die Chance, das Spielfeld mitzugestalten. Aber die Uhr tickt. Europa muss jetzt die Grundlagen legen – Daten & Prozesse – und eine Kultur der Kollaboration und des Mutes fördern. Wenn uns dieser Dreiklang gelingt, wird KI nicht nur Schlagwort bleiben, sondern zum Wettbewerbsvorteil, der Europas Industrie eine Zukunft gibt.
„Zukunft IT & KI“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen: