Die Energiewende braucht neue Impulse

Die Energiewende ist keine technische, sondern eine systemische Herausforderung. Wir haben gezeigt, dass der Ausbau von Wind- und Solarenergie funktioniert. Doch das Fundament, auf dem diese Entwicklung steht, stammt aus der fossilen Ära.

Das heutige europäische Strommarktdesign basiert auf einem Prinzip, das sinnvoll war, solange Strom ein Produkt der Umwandlung fossiler Ressourcen war – also in einer Zeit, in der variable Grenzkosten das System steuerten. In einem System, das von Sonne und Wind geprägt ist und in dem flexible Reservekapazitäten das Gleichgewicht sichern müssen, verliert dieses Modell seine Logik. Das Ergebnis sind extreme Preisschwankungen und ein Markt, der kurzfristige Ausschläge belohnt, aber langfristige Investitionen behindert.

Genau hierin liegt die besondere Herausforderung bei der Entwicklung von Offshore-Wind-Projekten: Von der Auktion einer Fläche über die Genehmigung und den Bau bis hin zum Betriebsstart vergehen häufig deutlich mehr als fünf Jahre, und die Investitionen für einen 1-GW-Offshore-Windpark in Deutschland überschreiten dabei meist die Marke von drei Milliarden Euro.

Solche langfristigen und kapitalintensiven Investitionen erfordern Stabilität und verlässliche Rahmenbedingungen, damit sich Projektentwickler wie Skyborn Renewables und Investoren engagieren. Doch der Markt bietet sie zunehmend nicht mehr. Denn wir versuchen, ein modernes Energiesystem mit einem Mechanismus aus der Vergangenheit zu steuern. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob das System reformiert werden muss, sondern wie.

Eine notwendige Brücke zwischen Markt und Stabilität

Kurzfristig braucht der Markt Instrumente, die Vertrauen schaffen und Investitionen ermöglichen. Preisstabilisierende Mechanismen wie Contracts for Difference (CfDs) können dabei helfen, Ausschläge abzufedern und Investoren Planungssicherheit zu geben. Sie können eine wichtige Brücke zwischen Marktmechanismen und politischer Verantwortung bilden. Aber solche Modelle sind kein Zielbild. Wenn jedes Land eigene Ansätze entwickelt, droht ein Wettbewerb der Systeme: Kapital wandert dorthin, wo die Unterstützung am größten ist, nicht dorthin, wo Energie am effizientesten erzeugt wird. Deutschland darf hier nicht zögern – wir brauchen einen europäischen Rahmen, der Planungssicherheit bietet und Investitionen effizient lenkt.

Von der Kilowattstunde zur Kapazität

Heute wird Strom aus bestimmten erneuerbaren Quellen (z.B. Photovoltaik) noch immer mit einem festen Betrag pro erzeugter Kilowattstunde vergütet, unabhängig davon, ob dieser Beitrag das System stabilisiert oder zusätzlich belastet. Doch in einem Energiesystem, das zunehmend auf fluktuierende Quellen setzt, müssen neue Maßstäbe gelten: Kapazität, Verfügbarkeit und Systemwert. Offshore-Wind, Solarkraftwerke, Speicher oder flexible Gaskraftwerke leisten mehr als nur Produktion – sie schaffen Versorgungssicherheit. Deshalb braucht es langfristig ein hybrides Marktdesign, das eine Grundvergütung für Kapazität mit marktbasierten Anreizen kombiniert. Das wäre kein Rückschritt in Planwirtschaft, sondern eine Evolution zu einem intelligenten, resilienten Markt.

Europa im Wettbewerb um Investitionen

Die Energiewende ist längst ein globaler Kapitalmarkt. Investoren vergleichen Rendite und Risiko über Grenzen hinweg. Wenn Nachbarländer stabile Rahmenbedingungen schaffen und Deutschland zögert, wird Kapital woanders investiert. In diesem Wettbewerb entscheidet nicht der Standort, der die reinste Marktlogik verfolgt, sondern derjenige, der die verlässlichsten Rahmenbedingungen schafft. Europa darf sich daher nicht in nationalen Alleingängen verzetteln. Es braucht ein gemeinsames Zielbild, das Kapazität, Flexibilität und Systemintegration honoriert. Der Wettbewerb sollte sich auf Lösungen konzentrieren, die Stabilität und Versorgungssicherheit stärken – nicht auf den Kampf um Subventionen.

Warum wir jetzt handeln müssen

Die Energiewende ist die größte industrielle Transformation unserer Zeit. Sie gelingt nur, wenn sie wirtschaftlich tragfähig bleibt. Instrumente wie CfDs können hier ein sinnvoller Schritt sein, doch die eigentliche Aufgabe liegt tiefer: Wir müssen das Marktdesign an eine Welt mit nahezu null Grenzkosten anpassen. Deutschland war oft Vorreiter – bei der Energiewende, beim Atomausstieg, bei der Einspeisevergütung. Jetzt braucht es erneut diesen Mut. Wir müssen uns fragen, was Energie im 21. Jahrhundert wirklich wert ist. Nicht nur in Kilowattstunden, sondern in Stabilität, Versorgungssicherheit und Systemdienstleistung.

Ein gemeinsamer Denkprozess

Es gibt keine einfachen Antworten, aber eine gemeinsame Verantwortung. Wir müssen einen Denkprozess beginnen – faktenbasiert, technologieübergreifend und europäisch. Die zentrale Frage lautet: Wie schaffen wir ein System, das Investitionen sichert, Märkte erhält und die Energiewende beschleunigt? Wenn wir diese Frage gemeinsam mit Deutschlands europäischen Partner beantworten, entsteht mehr als ein neues Marktdesign. Es entsteht die Grundlage für eine Energiezukunft, die verlässlich, bezahlbar und nachhaltig ist.