Deutschland –Volkswirtschaft mit digitalem Schönheitsfehler

In Hannover bin ich nicht nur unternehmerisch tätig. Seit 2016 bin ich zugleich Honorarkonsulin für Schweden und erhalte seitdem stets jedes Jahr zur Sommerzeit aufgeregte Anrufe schwedischer Bürger: innen, die bald in Deutschland Urlaub machen werden und wissen wollen, ob es hierzulande wirklich so ist, wie sie es in Schreckensszenarien erzählt bekommen: dass sie hier ohne Bargeld aufgeschmissen sind.

Die größte Sorge schwedischer Urlauber:innen ist, dass ihr gewöhnliches Zahlungsmittel – die Kreditkarte oder mobile Payments – nicht funktioniert. Was sich zunächst lustig anhört, ist zu einem ernsten Problem für den Standort Deutschland geworden. Denn auch wenn die digitale Transformation allgegenwärtig und im vollen Gange ist, hinkt Deutschland im europäischen und globalen Vergleich immer noch weit zurück: Laut dem Leitindex für digitale Wirtschaft und Gesellschaft der EUKommission DESI liegt Deutschland lediglich im europäischen Mittelfeld. Und das hat Auswirkungen auf die Innovations- und damit Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts.

Der Ball liegt im Spielfeld – die Frage ist nur: in wessen?

Wer in Hannover ein Konto beim größten Bank-Filialisten eröffnen möchte, braucht viel Zeit und eine Behörden- Übersetzung. Der Antrag umfasst 25 Seiten und ist auch für Akademiker:innen herausfordernd. Digital ist die Kontoeröffnung nicht möglich, was vor allem ukrainische Flüchtlinge in Erstaunen versetzt, in deren Heimatland dies trotz Krieg nach wie vor gängige Praxis ist. Dies gilt auch für die Verwaltung: sie ist – anders als in Deutschland – bereits so digital, dass fast alle Dienstleistungen online abrufbar sind. Die Digitalisierung der Verwaltung ist der Schlüssel zur digitalen Transformation: Unternehmen und Organisationen werden sich entlang des Digitalisierungsgrades von Verwaltung und Behörden transformieren, was wiederum den Standort und die Wirtschaft stärkt. Wo Deutschland hierbei derzeit steht? Sie ahnen es: im hinteren Mittelfeld…

Transformation braucht Partner auf Augenhöhe

Der Umbau zu digitalen Prozessen und Produktionen bedeutet für KMU hohe finanzielle und personelle Belastungen. Dabei sorgten bereits globale Krisen wie die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine für existenzielle Bedrohung bei vielen Unternehmen. Der Investitionsbedarf liegt auf der Hand: Die Digitalisierung ist für die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen und des Mittelstands in Deutschland essenziell. Staat und Unternehmen sollten sich dabei als Partner betrachten. Was banal klingt, wäre ein Paradigmenwechsel. Denn bisher betrachtet der Staat seine Bürger:innen und Unternehmen mit Misstrauen, was in überbordender Bürokratie mündet und uns als Land an die Grenze der Reformfähigkeit gebracht hat. Das größte Förderprogramm des Staates ist nicht monetärer Natur, sondern fußt auf dem politischen Willen, Unternehmen und Institutionen von Regelungen zu befreien, die Entwicklung und Veränderung blockieren. Die desolate digitale Ausstattung unserer Schulen (um nur ein Beispiel zu nennen) ist nicht das Ergebnis knapper Mittel, sondern komplizierter und ineffektiver Verfahrensstrukturen. Für eine Industrienation mit starkem Mittelstand, dessen wertvollste Ressource in den Köpfen seiner Mitarbeitenden liegt, ist dies nicht hinnehmbar.

Kompetenzen fördern – gleichberechtigt und intelligent

Ängste vor technologischen Entwicklungen sind längst in den Belegschaften angekommen. Sie abzubauen und die Chancen der Veränderung zu verdeutlichen ist Aufgabe der Führungskräfte. Umfassende Digitalkompetenzen müssen sich entlang der gesamten Bildungskette wiederfinden, um ein breites digitales Mindset in der Gesellschaft aufzubauen. Und letztlich braucht die Digitalisierung in allen Bereichen deutlich mehr Chancen für Frauen, um eine gerechte digitale Gesellschaft zu erreichen, in der Frauen und Männer gleichberechtigt digitale und technologische Entwicklungen mitgestalten können. Die digitale Transformation wird uns künftig noch stärker beeinflussen, als wir es uns heute vorstellen können – als Treiber des technologischen Fortschritts und wirtschaftlichen Wachstums. Wir können diesen Prozess nicht aufhalten, aber wir haben die Chance, ihn zu gestalten. Was wir dazu vor allem brauchen, ist eine Vorstellung davon, welche Gesellschaft, welche Wirtschaft, welcher Staat wir gewesen sein wollen. Am Anfang steht die Vision. Ihr Job ist es, den Weg auszuleuchten, den wir gehen wollen.

Die Digitalisierung der Verwaltung ist der Schlüssel zur digitalen Transformation.

Jasmin Arbabian-VogelPräsidentin, Verband deutscher Unternehmerinnen
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