Foto: Mona Eing & Michael Meissner
KI ist die Schlüsseltechnologie, mit der CEO Nadella Microsoft in den vergangenen Jahren zu einem Liebling der Börse gemacht hat. 2014 übernahm der heute 58-Jährige den Chefposten. Er ist erst der dritte Microsoft-Chef in 50 Jahren Firmengeschichte, nach dem Gründer und Tech-Übervater Bill Gates und dem bollerigen Verkäufer Steve Ballmer. Nadella übernahm einen Konzern im Abstiegskampf: Die Smartphone-Revolution hatte Microsoft verpasst, die PC-Verkäufe fielen seit Jahren. Windows 8 erwies sich als Flop. Die von Ballmer geprägte aggressive Firmenkultur sorgte zudem dafür, dass sich die Abteilungen des Riesenkonzerns oft feindlich gegenüberstanden.
Der weitere Weg schien vorgezeichnet: Microsoft würde nach und nach im Halbschatten der Mittelmäßigkeit verschwinden, wie so viele andere Tech-Riesen zuvor, von IBM bis Hewlett Packard. Doch Nadella gelang die Neuerfindung des Traditionskonzerns. Unter seiner Führung verachtzehnfachte sich der Aktienkurs.
Der indischstämmige Manager setzte dafür auf zwei radikale Wetten: Zum einen richtete er Microsoft neu aus als Cloud-Dienstleister, also als Anbieter von Rechenzentren zur Datenverwaltung. Heute ist die konzerneigene Cloud-Sparte Azure nach Amazon Web Services (AWS) der zweitgrößte Clouddienst der Welt. Zum anderen setzte Nadella früher als andere auf KI. Ohne sein Investment im Jahr 2019 in ein obskures KI-Forschungslabor namens OpenAI gäbe es wahrscheinlich kein ChatGPT und damit auch keinen KI-Hype.
I. KI-Hype und (k)ein Ende
Da wäre die Alphabet-Tochter Google, im KI-Bereich der gefährlichste Konkurrent von Microsoft. Der Suchmaschinenriese wird auch von einem Ingenieur geführt, dem ebenfalls indischstämmigen Sundar Pichai. Vergangene Woche hat Google sein neues KI-Modell Gemini 3 vorgestellt. Marc Benioff, Chef des Software-Konzerns Salesforce, nannte Gemini 3 einen „Quantensprung“, der Google wieder vor OpenAI platziere. Obendrein hat Pichai exklusiven Zugriff auf sein Modell – und muss sich die Margen nicht wie Nadella mit einem Start-up teilen.
Im lukrativen Cloud-Markt wiederum kommt Microsoft nicht an AWS vorbei. Zwar wuchs Nadellas Azure zuletzt schneller, doch AWS-Chef Matt Garman bleibt einstweilen der Primus – und schaltet auf Angriff: Im Oktober schloss Garman einen prominenten Deal mit OpenAI, das nun nicht mehr exklusiv an Microsoft gebunden ist. Zudem hat AWS seine Partnerschaft mit Anthropic ausgeweitet. Das zweitwichtigste KI-Start-up, gegründet von OpenAI-Abtrünnigen, nutzt vor allem AWS-Rechenzentren und sogar Amazons hauseigene KI-Chips.
Das KI-Wettrennen ist damit voll entbrannt. Und kostet zunächst vor allem eines: Geld. Die Hunderte Milliarden, die in neue Chips fließen, vor allem von Nvidia, sind längst zum wichtigsten Antreiber des US-Wachstums geworden. Ohne den KI-Boom befände sich die US-Wirtschaft wahrscheinlich „bereits in einer Rezession“, urteilen die Analysten von BCA Research. Die Bank of America schätzt, dass allein die Investitionen von Microsoft, Amazon, Google und Meta in diesem Jahr 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA beisteuern.
Und die Ratingagentur Morningstar warnt, im Verhältnis zum Sozialprodukt überstiegen die KI-Ausgaben bereits jene des Eisenbahnbaus im 19. Jahrhundert: „Um diese Investitionen zu rechtfertigen, müssten 2030 jährliche Einnahmen in Höhe von zwei Billionen Dollar erzielt werden. Doch derzeit liegen die Einnahmen aus KI bei nur 20 Milliarden Dollar – erforderlich wäre also eine Steigerung um das 100-Fache.“
II. Geburtshelfer des KI-Hypes
Die lange Sicht hat Nadella immer im Blick. Das zeigte sich im Bereich Cloud, den er als Wachstumsfeld erkannte, als viele Software-Konzerne noch auf sogenannte On-Premise-Lösungen setzten, also auf Programme, die im kundeneigenen Serverraum im Keller laufen. Das zeigte sich auch im Bereich KI, als er früh auf OpenAI setzte, lange bevor ChatGPT das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Es waren Microsofts über 13 Milliarden Dollar Kapital – eingebracht vor allem in Form von Rechenzeit in den konzerneigenen Azure-Serverzentren –, die es OpenAI ermöglichten, von einem gemeinwohlorientierten Forschungslabor zum weltweit wichtigsten Start-up für KI zu wachsen.
Das Investment war das eine. Nadellas vielleicht wichtigere Entscheidung war dann aber, OpenAIs Modelle in immer mehr Produkte des Konzerns einzubauen – Microsofts Copilot ist heute überall drin – aber ist er auch erfolgreich?
Auswertungen von Marketingfirmen wie First Page Sage oder One Little Web unterscheiden sich im Detail, sehen im Konsumentenbereich den kostenlosen Copilot jedoch deutlich abgeschlagen im Vergleich etwa zum Marktführer ChatGPT. Aber wie Thomas von Tschammer, Co-Gründer des Produktdesign-Start-ups Neural Concept, berichtet, hat die Konkurrenz von OpenAI oder Anthropic teils die Nase vorn: „Je nachdem, um welche Art von Programmieraufgaben es sich handelt, sind andere Agenten besser.“
III. Von Modellen, Daten und Abgründen
Laut dem Portal „The Information“ erhält Microsoft 20 Prozent des OpenAI-Umsatzes bis 2030, eine Zahl, die die Beteiligten auf Anfrage nicht bestätigen. Ende Oktober hat OpenAI einen organisatorischen Umbau bekannt gegeben: Künftig kontrolliert eine Stiftung das neue Herz des Unternehmens, eine privatwirtschaftliche Firma, die Gewinnstreben mit Gemeinwohlorientierung verbinden soll. Microsoft bleibt mit rund 27 Prozent der wichtigste Anteilseigner – und erhält bis 2032 Zugang zu den OpenAI-Technologien. Gleichzeitig darf sich das Start-up andere Cloud-Partner neben Azure suchen.
Auch Microsoft arbeitet daran, sich von OpenAI unabhängiger zu machen – und verkündete Mitte November, auch Modelle des eng mit Amazon verbandelten Start-ups Anthropic zu unterstützen. Die Grok-Modelle von Elon Musk sind seit Mai ebenfalls bei Azure zu finden. Letztlich seien die Modelle im Hintergrund austauschbar, sagte Ray Smith, Leiter KI-Agenten bei Microsoft: „Wir werden in Zukunft weniger über die neuesten Modelle von OpenAI und Anthropic sprechen, sondern mehr über die konkreten Lösungen, die unsere Kunden erstellen.“ Der Beziehungsstatus der beiden Partner Microsoft und OpenAI: Er bleibt kompliziert.
IV. Das Kreuz mit der Politik
US-Präsident Donald Trump ist ein großer Freund von Zöllen und hat mit zahlreichen Staaten einen Handelskrieg vom Zaun gebrochen, der nach wie vor schwelt. Microsoft ist auch deshalb so erfolgreich, weil es große Teile seines Umsatzes außerhalb der USA erwirtschaftet. Jedes transatlantische Zerwürfnis gefährdet das Geschäft. Erst im September konnte Microsoft eine empfindliche Strafe der EU gerade noch abwenden – durch das Versprechen, sein Konferenzprogramm Teams aus dem Rest der Office-Suite herauszulösen.
V. Deutschland im Fokus
In Deutschland ist Microsoft seit 1983 aktiv, hat viele große und noch mehr mittelständische Kunden. Als einer der ersten Anbieter weltweit konnte Siemens in Partnerschaft mit Microsoft einen industriellen Copilot offerieren. Aktuell nutzen laut Siemens mehr als 100 Kunden den KI-gestützten Assistenten, mit dem sich zum Beispiel Maschinen schneller und einfacher programmieren lassen. Auch der Autozulieferer Schaeffler nutzt den „Industrial Copilot“: Dank ihm dauere die Neuinstallation von Werkzeugmaschinen nur noch Stunden statt wie früher Tage. So kann der KI-Agent Eingaben in natürlicher Sprache binnen Sekunden in Code übersetzen. Menschliche Programmierer müssen dann noch etwa 20 Prozent der so entstandenen Software nachbearbeiten.
„KI-gestützte Copiloten verändern die Fertigung. Wir können mit Maschinen jetzt in unserer eigenen Sprache kommunizieren“, sagt Siemens-Industrievorstand Cedrik Neike. Demnach soll der Copilot Siemens-Produkte – wie die in fast jeder Fabrik der Welt verbauten Simatic-Steuerungen – noch effektiver und damit attraktiver machen. An dem Angebot verdient Microsoft: Die Copilot-Basisversion ist für Siemens-Kunden kostenlos, sie brauchen aber unter anderem einen Azure-Zugang.
Neben Unternehmen setzt auch die Bundesregierung auf die Zusammenarbeit mit Microsoft, etwa beim Aufbau staatlicher Cloud-Angebote. Zugleich gibt es Sorge vor Abhängigkeiten.
Beispiel ICC: Der Internationale Strafgerichtshof hat angekündigt, künftig auf die Microsoft-Produkte für den digitalen Arbeitsplatz zu verzichten aus Angst vor Sanktionen der Trump-Regierung.
VI. Von Versorgern und Vätern
Microsoft unter Nadella sieht sich nicht mehr als Software- oder Plattformanbieter, sondern als digitalen Grundversorger, unentbehrlich wie ein Elektrizitätswerk.
Microsoft positioniere sich als „kritischer Versorger für eine digitale Grundversorgung“, sagt Axel Oppermann, Gründer des Analysehauses Avispador: weiterhin mit Programmen für den digitalen Arbeitsplatz, zunehmend auch mit KI-Agenten, die Geschäftsprozesse automatisieren. Vor allem aber mit einem Netz aus Rechenzentren, das die Welt umspannt – und bald so unverzichtbar werden könnte wie die Versorgung mit Strom oder Wasser.
Für Microsoft entsteht ein regulatorisch geschützter Status. Zu groß, zu verteilt, zu systemrelevant, um klassisch reguliert zu werden. Oppermanns Fazit: „Wer die Rechenleistung kontrolliert, kontrolliert die digitale Ökonomie – und Microsoft baut genau dieses Fundament so tief, dass Wettbewerber nicht einmal mehr den Grund sehen.“
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