Das Apple der Energiewende

Deutschland produziert zu einigen Zeiten so viel Strom, dass die Strompreise sogar ins Minus rutschen. Dieses bizarre Problem hat eine technische Lösung: eine dezentrale Gigabatterie – das “Apple” der Energiewende.

Bild: Sébastien Schikora, Technologiechef, Flexa.

Solaranlagen und Windräder erzeugen in Deutschland so viel Strom, dass sie ganz Deutschland auf einmal versorgen können. Bei besonders viel Sonne und Wind werden die Preise an der Strombörse sogar negativ.

Kostenloser Strom im Überfluss klingt wie im Schlaraffenland, ist aber ein Problem. Denn Strom, den niemand braucht, ist wertlos.

Dann gibt es da noch einen zweiten Haken an der Sache. Wie allseits bekannt, scheint nachts keine Sonne. Auch im Winter sieht es dunkel aus. Wenn dann noch Windstille herrscht, wird Strom plötzlich zum knappen Gut.

Das Apple der Energiewende

Das Problem kennt auch Sébastien Schikora, den man nur “Bas” nennt, denn in Kalifornien hat jeder einen Spitznamen. Über 20 Jahre arbeitete Bas im Silicon Valley, davon leitete er über drei Jahre bei Tesla die digitale Entwicklung aller stationären Batterien von Texas über Australien bis Hawaii.

Nun ist der Deutsch-Franzose wieder aus den USA nach Europa zurückgekehrt. Und hat eine Mission: das Apple der Energiewende zu bauen. Der Plan: Eine dezentrale, vernetzte Gigabatterie. Sie soll das Netz stabilisieren und der Dunkelflaute den Kampf ansagen. Und nebenbei den privaten Haushalten viel Geld bei den Energiekosten sparen.

Bas tat sich mit Vjekoslav Salapic zusammen, dem früheren Produktchef des E.on-Digitalspezialisten gridX. Die beiden KI-Experten stellten ein Team an Spezialisten zusammen, und verbündeten sich mit dem Energiewende-Pionier Enpal zum gemeinsamen Unternehmen Flexa.

Sie programmieren eine Künstliche Intelligenz, die eines tun soll: hunderttausende Solaranlagen, Heimbatterien, Elektroautos und Wärmepumpen zu einem riesigen, dezentralen Netzwerk zu verbinden.

Dumme und schlaue Solaranlagen

Um das virtuelle Kraftwerk zu verstehen, muss man wissen: Solaranlagen sind wie Handys. Es gibt dumme, und es gibt schlaue. Mit Solaranlagen wird es bald genauso sein.

Heute speisen die meisten Hausbesitzer den Strom aus ihren Solaranlagen ins Netz ein, wenn die Sonne scheint und ihre Stromspeicher voll aufgeladen ist. Diese Solaranlagen könnten mit einigem Recht als „dumm“ bezeichnet werden, ähnlich wie ein altes Handy vor der heutigen Smartphone-Ära nur telefonieren konnte, aber sonst nichts.

Die Solaranlage der Zukunft ist intelligent und vernetzt. Solaranlagen, Stromspeicher, Elektroautos (die nichts anderes sind als riesige Batterien auf Rädern) und Wärmepumpen (die ebenfalls Energiespeicher sind) werden dank eines intelligenten Energiemanagers smart in das Netz integriert sind. Sie wissen dann, wann Strom im Netz günstig ist – und laden dann Batterie und Elektroauto auf, heizen den Pufferspeicher mit der Wärmepumpe.

Und wenn der Strom teuer ist, verkaufen sie den Strom aus dem Stromspeicher (und in wenigen Jahren auch aus dem Elektroauto, sobald das bidirektionale Laden flächendeckend vorhanden ist) hochpreisig ins Netz. Hausbesitzer profitieren doppelt: günstig einkaufen, teuer verkaufen.

Das virtuelle Kraftwerk von Enpal

Das virtuelle Kraftwerk von Enpal Es saugt den Strom aus dem Netz auf, wenn zu viel davon da ist – also, wenn viel Wind weht oder viel Sonne scheint. Und gibt den Strom wieder ab, wenn man mehr braucht, als Wind und Sonne gerade liefern.

Schon heute kann Enpal den günstigsten Stromtarif in Deutschland anbieten, indem es den Strom eben genau dann einkauft, wenn er an der Börse am günstigsten zu haben ist.

Über ein Gigawatt will die Truppe um KI-Spezialist Bas allein bis 2026 ans Netz bringen. Das virtuelle Kraftwerk von Enpal wird damit so groß wie ein Atomkraftwerk, aber hochflexibel steuerbar, dezentral und erneuerbar.

Der neue iPhone Moment

Wer ein Haus hat, der ist in der Zukunft nicht mehr nur bloßer Konsument von Energie. Mit einer Solaranlage auf dem Dach stellt er seine Energie selbst her, nutzt sie für die Wärmepumpe und das Elektroauto, und speichert sie in der Heimbatterie.

Der Hausbesitzer wird vom passiven Verbraucher zum aktiven, flexiblen “Prosumers” von Energie – also zum Produzenten und Konsumenten in Einem. Man könnte sie auch auf den schönen Namen “Flexumers” taufen, flexible Prosumer eben, ohne es mit den Wortneuschöpfungen zu übertreiben. Fachleute diskutieren diese Begriffe seit Jahren, für sie sind sie kein Neuland, sondern ein alter Hut.

Bisher aber waren viele Diskussionen eher auf dem Papier. Der Hausbesitzer blieb auf seiner eigenen privaten Scholle. Ohne Digitalisierung, ohne Künstliche Intelligenz konnte er nicht von den Schwankungen der Strombörse profitieren. Nun aber verbündet er sich mit hunderttausenden anderen dezentralen Prosumenten zu einem gigantischen Batterienetzwerk, dem Enpal Kraftwerk.

1984 war es Steve Jobs, der erst mit dem Apple Macintosh, später mit dem iPhone die Art und Weise revolutionierte, wie wir kommunizieren, arbeiten, ja: leben. Es war nicht nur ein neues Produkt, das Apple erfand, so wie ein neuer Tisch oder ein neuer Teppich. Es war eine Revolution, die die Welt veränderte.

Dreißig Jahre später ist der Zeitpunkt gekommen, in der wir die Art und Weise revolutionieren, wie wir Energie nutzen. Auch diesmal geht es nicht bloß um ein neues Produkt, sondern um eine ganz neue Art, wie wir über Energie nachdenken und mit Energie umgehen – und Teil einer Bewegung, einer Community werden, von hunderttausenden Menschen, die genau das Gleiche tun wie wir. Sie brauchen dafür nicht einmal aus dem Haus gehen. Die Revolution kommt zu ihnen nach Hause.

Vielleicht wird Sébastien Schikora der Steve Jobs der Energiewende. Freunde, wird er sagen, nennen ihn lieber Bas.