Cybersicherheit als Standortfaktor für Deutschland

Herausforderungen im Spannungsfeld von Datenökonomie und Datenschutz

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Cybersecurity & Datenschutz“

Die digitale Transformation verändert die Grundlagen wirtschaftlicher Leistungs- und politischer Handlungsfähigkeit. Produktion, Verwaltung und Kommunikation basieren auf vernetzten Systemen, deren Verwundbarkeit zu einer zentralen Herausforderung geworden ist. Cyberangriffe, (Des-)Informationskampagnen und Lieferkettenstörungen sind keine Randphänomene mehr, sondern Teil unseres geopolitischen Alltags. In diesem Umfeld entwickelt sich Cybersicherheit zu einem strategischen Standortfaktor – entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und technologische Souveränität.

Cybersicherheit schafft Vertrauen und fördert Innovationen

Cybersicherheit ist längst nicht mehr nur ein Kostenpunkt in der Unternehmensbilanz, dessen Wirkung unsichtbar ist, sondern ein Qualitäts- und Vertrauensmerkmal. Kunden, Partner und Investoren bewerten die digitale Robustheit eines Unternehmens zunehmend als Indikator für Professionalität und Zukunftsfähigkeit. Wer nachweislich hohe Sicherheitsstandards einhält, kann sich in Märkten mit wachsender Regulierung – etwa durch die EU-Regulierungen NIS-2 oder DORA – als verlässlicher Partner positionieren. Gerade in globalen Lieferketten, in denen Datenströme und Produktionsprozesse eng verzahnt sind, wird Vertrauen zum Produktionsfaktor.

Ein Cybervorfall bei einem Zulieferer kann die gesamte Wertschöpfungskette gefährden. Daher ist Cybersicherheit nicht nur Abwehr, sondern Wettbewerbsvorteil durch Verfügbarkeit, Integrität und Resilienz. Unternehmen, die ihre digitalen Infrastrukturen proaktiv schützen, sichern sich geringere Ausfallzeiten, höhere Prozessstabilität und ein besseres Risikoprofil gegenüber Versicherern und Finanzinstitutionen.

Zudem fördert ein hohes Sicherheitsniveau Innovation. Wo Informationen sicher und Daten geschützt sind, können sie freier genutzt werden – etwa für KI-Anwendungen, automatisierte Produktion oder Cloud-basierte Geschäftsmodelle. Wenn Unternehmen und Entwickler darauf vertrauen können, dass ihre Daten, Systeme und geistigen Eigentumsrechte gut geschützt sind, sind sie eher bereit, neue Technologien zu entwickeln und einzusetzen. „Security by Design“ schafft so Freiräume für technologische Entwicklung, statt sie zu behindern.

Digitale Souveränität wird zum Gradmesser für die nationale Sicherheit

Über die betriebswirtschaftliche Ebene hinaus ist Cybersicherheit auch eine Frage staatlicher Souveränität. Digitale Abhängigkeiten – etwa bei Cloud-Infrastrukturen oder Softwarelösungen – können im Krisenfall zum geopolitischen Risiko werden. Staaten, die ihre kritischen Infrastrukturen, Datenflüsse und Kommunikationsnetze nicht aus eigener Kraft schützen können, verlieren Handlungsfähigkeit, bis hin zur Existenzgefährdung. Digitale Souveränität bedeutet daher auch, die Fähigkeit zu besitzen, digitale Systeme sicher zu betreiben, eigene Standards zu definieren, vertrauenswürdige Technologien zu kontrollieren und sie bedeutet auch vor allem eines: die Wahl zu haben.

Im Verteidigungsbereich ist Cybersicherheit zur Grundvoraussetzung geworden. Cyberoperationen sind Teil hybrider Konfliktführung, bei der staatliche und nichtstaatliche Akteure gezielt (kritische) Infrastrukturen, Verwaltungssysteme oder öffentliche Kommunikation angreifen. Eine resiliente digitale Basis ist damit unverzichtbar für die nationale Sicherheit – und ein entscheidendes Element „moderner Abschreckung“.

Standortpolitik an das digitale Zeitalter anpassen

Die Fähigkeit, digitale Systeme vertrauenswürdig und resilient zu gestalten, wird zunehmend zum Standortfaktor. Unternehmen investieren dort, wo sie auf stabile digitale Infrastrukturen, klare Sicherheitsstandards und planbare regulatorische Rahmenbedingungen treffen. Eine zukunftsorientierte Standortpolitik muss daher die Förderung von Cybersicherheit mit Innovations- und Industriepolitik verzahnen.

Entscheidend ist nicht nur der Schutz bestehender Strukturen, sondern die gezielte Entwicklung von Märkten, Kompetenzen und Technologien, die Sicherheit „made in Europe“ ermöglichen. Länder, die in Kryptographie, Quantenkommunikation, Zero-Trust- Architekturen und Cyberabwehrtechnologien führend sind, sichern sich nicht nur wirtschaftliche Wertschöpfung, sondern auch technologische Unabhängigkeit.

Eine wirksame Standortpolitik im digitalen Zeitalter nutzt gezielt politische und wirtschaftliche Hebel, um Sicherheit als Qualitätsmerkmal zu verankern. Ein zentraler Ansatzpunkt liegt in der öffentlichen Beschaffung: Staatliche Stellen können über ihre Nachfrage sichere und zertifizierte Produkte fördern und so verbindliche Standards in den Markt hineintragen. Ebenso wichtig ist der Aufbau leistungsfähiger Kompetenzzentren, in denen Wirtschaft, Wissenschaft und Sicherheitsbehörden gemeinsam an innovativen Lösungen arbeiten.

Für die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend bleibt die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte. Deutschland wird in den kommenden Jahren Tausende Expertinnen und Experten im Bereich der IT-Sicherheit benötigen. Ohne gezielte Ausbildungsoffensiven, praxisorientierte Studiengänge und internationale Talentprogramme wird es kaum gelingen, den steigenden Bedarf zu decken. Cyberkompetenz wird damit auch zu einer strategischen Zukunftsressource – und zu einem Schlüsselkriterium für Standortqualität und technologische Souveränität.

Von Compliance-Kultur auf Sicherheitskultur umstellen

Trotz zunehmender Regulierung bleibt die größte Herausforderung nicht technischer, sondern kultureller Natur. Cybersicherheit darf nicht allein als Erfüllung gesetzlicher Vorgaben verstanden werden, sondern muss zu einem integralen Bestandteil unternehmerischer Identität werden. Sicherheit entsteht im Bewusstsein der Mitarbeitenden, in klaren Verantwortlichkeiten und in einer Führung, die digitale Risiken strategisch adressiert. Organisationen, die eine Kultur digitaler Verantwortung verankern, agieren nicht nur regelkonform, sondern vorausschauend. Sie begreifen Vertrauen in digitale Systeme als wirtschaftliches Gut – vergleichbar mit Energie oder Kapital. Eine gelebte Sicherheitskultur wird damit zum Differenzierungsmerkmal im globalen Wettbewerb und zu einem zentralen Faktor nachhaltiger Standortattraktivität.

Vertrauen wirksam machen

Cybersicherheit ist die Basis moderner Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität. Sie verbindet wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliches Vertrauen und staatliche Handlungsfähigkeit. In einer Welt, in der Angriffe auf Daten und Infrastrukturen zum Alltag gehören, entscheidet nicht allein Innovationskraft über den Erfolg eines Standorts, sondern die Fähigkeit, Innovationen sicher zu gestalten.

Wer Cybersicherheit als strategische Ressource begreift, stärkt die eigene Widerstandsfähigkeit und schafft Vertrauen – bei Kunden, Partnern und der Öffentlichkeit. Dieses Vertrauen wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Es senkt Transaktionskosten, fördert langfristige Partnerschaften und erhöht die Attraktivität als Standort. Cybersicherheit ist damit kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in Zukunftsfähigkeit – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich.

Wo Informationen sicher und Daten geschützt sind, können sie freier genutzt werden.

Ferdinand GehringerReferent Innere- und Cybersicherheit, Konrad Adenauer Stiftung
Das aktuelle Handelsblatt Journal
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