Vor diesem Hintergrund ist der Optimismus der Branche gedämpft, wie die Zahlen unseres aktuellen Global Automotive Executive Survey zeigen. Denn nur 16 Prozent der deutschen Führungskräfte in der Automobilbranche sind äußerst zuversichtlich, in den nächsten fünf Jahren profitables Wachstum zu erzielen. In der Vorjahresbefragung lag dieser Wert noch bei 41 Prozent. In der öffentlichen Wahrnehmung und der medialen Berichterstattung wird die deutsche Automobilindustrie häufig als am Boden liegend bezeichnet. Doch dieser Abgesang scheint verfrüht.
Welche Faktoren haben zu den aktuellen Entwicklungen geführt?
Es ist wichtig zu verstehen, dass momentan sehr viele Veränderungen zusammenkommen. Beispielsweise
sind die geopolitischen und regulatorischen Rahmenbedingungen höchst volatil, was Auswirkungen auf die Stabilität der Lieferketten hat. Außerdem erfordert die Umstellung auf nachhaltige Antriebe hohe Investitionen und die Kunden erwarten selbstverständlich auch im Fahrzeug einen hohen Grad an Digitalisierung. Der Kampf um wettbewerbsfähige Energiepreise, angemessene Lohnerhöhungen und qualifizierte Arbeitskräfte als auch die Herausforderungen wachsender Überkapazitäten weltweit, kommen noch hinzu. All dies führt zu steigenden Entwicklungs- und Produktionskosten bei gleichzeitig sinkenden Umsätzen und Margen. Eine herausfordernde Situation für das Management und die Shareholder jedes Unternehmens.
Die deutsche Automobilindustrie wird die Transformation erfolgreich meistern
Der Automobilsektor ist eine der wichtigsten Branchen in Deutschland, denn die deutsche Automobilindustrie besteht nicht nur aus den großen OEMs, sondern aus tausenden Mittel-, Klein- und Kleinstzulieferern, aus Händlern, Verbänden, Werkstätten und Mitarbeitende in der Forschung und Ausbildung. So waren im Jahr 2021 ca. 2,1 Mio. Menschen in Deutschland direkt oder indirekt in der Automobilindustrie beschäftigt*. Die Branche stellt den bedeutendsten Industriezweig in Deutschland dar**. Aus diesem Grund ist es wichtig für unseren Wohlstand in Deutschland, dass die Industrie auch zukünftig erfolgreich agiert. Dass dies möglich sein kann, zeigen folgende Thesen:
These 1: Die goldenen Zeiten des unbegrenzten Wachstums werden nicht zurückkommen
Die deutsche Automobilindustrie zeigt trotz der Herausforderungen der letzten Jahre eine beeindruckende Resilienz. Trotz Gewinnwarnungen erzielen viele Hersteller weiterhin hohe Erträge, was ihre Fähigkeit zur Neuausrichtung unterstreicht. Solide Finanzierungen, das Potenzial für Effizienzsteigerungen durch Prozessoptimierung und die Implementierung digitaler Transformationsstrategien stärken die Wettbewerbsfähigkeit. Durch die Kombination traditioneller Stärke, zukunftsweisender Technologien und einem koordinierten Zusammenspiel aller relevanten Akteure aus Industrie, Wissenschaft und Politik kann die Branche eine neue Aufbruchstimmung erzeugen und gegenwärtige Absatzschwächen überwinden.
These 2: Made in Germany schläft nicht
Patentdaten zeigen, dass deutsche Hersteller und Zulieferer ihre Forschung auf Zukunftstechnologien ausgerichtet haben. Der Anteil deutscher Patente an internationalen Patentanmeldungen, beispielsweise auch in China, im Bereich elektrifizierter Antriebsstränge steigt und die Patente decken den gesamten Antriebsstrang ab, was die technologische Offenheit und Innovationskraft unterstreicht. Im Gegensatz zu einem bekannten chinesischen Batteriezellhersteller, der sich auf Batterie-Patentanmeldungen fokussiert und mit fast 45 Prozent aller Batterie-Patentanmeldungen auch die hiesige Forschungslandschaft prägt. Um den kommerziellen Erfolg dieser Innovationen zu sichern und die Akzeptanz für Elektromobilität auch in der Gesellschaft zu steigern, sind jedoch massive Investitionen in Stromnetze und in den Ausbau der Ladesäulen-Infrastruktur notwendig. Denn nur wenn notwendige Rahmenbedingungen geschaffen sind und der Netz- und Infrastrukturausbau dem Bedarf vorausläuft und nicht hinterher, gelingt die Mobilitätswende. Zudem stärkt ein robustes Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik (Stichwort Innovationscluster) sowie neue Geschäftsmodelle, beispielsweise im Bereich Leasing, im digitalen Vertrieb oder mit neuen Händlermodellen die Position Deutschlands zunehmend.
These 3: Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell
Die Nachhaltigkeitsbestrebungen der deutschen Automobilindustrie gehen inzwischen weit über die
Themen Elektromobilität und Dekarbonisierung hinaus und umfassen resiliente und faire Wertschöpfungsnetzwerke, die Vermeidung von Abhängigkeiten in der Lieferkette und effizienten Ressourceneinsatz. Initiativen wie Catena X oder die Batterie-Recycling-Anlage eines großen deutschen Automobilherstellers fördern die Kreislaufwirtschaft und den Informationsaustausch zwischen verschiedenen Akteuren. Im Ergebnis werden in Deutschland gegenwärtig die nachhaltigsten PKW der Welt produziert, was durchaus höhere Preise dieser Fahrzeuge rechtfertigt.
These 4: Deutsche Tugenden verschwinden nicht
Starke globale Marken und hohe Produktqualität bleiben grundlegende, zentrale Stärken der deutschen
Automobilindustrie. Zeitgleich werden Prozesse auf den Prüfstand gestellt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Strategien zur Effizienzsteigerung umfassen schlanke Strukturen entlang der gesamten Lieferkette, die weitere Automatisierung der Prozesse, beispielsweise durch die Integration Künstlicher Intelligenz in der Fertigung, und insbesondere die Reduzierung der Entwicklungszeiten.
These 5: Gemeinsam ist man stärker
Ein abgestimmter Verbund aus Politik, OEMs, Zulieferern und Wissenschaft muss positive Rahmenbedingungen schaffen. Verlässliche regulatorische Vorgaben, eine koordinierte Industriepolitik, die Nutzung von Allianzen sowie eine konsequente Rückbesinnung auf Qualität und Innovation bilden wesentliche Voraussetzungen für einen international fairen Wettbewerb. Protektionistische Maßnahmen, die von vielen Regierungen angedacht werden, gefährden den Welthandel und schränken die Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer ein. Steuerliche Anreize, Förderprogramme, die Ausbildung von ausreichend Talenten und die Reduzierung bürokratischer Hürden fördern ein innovationsfreundliches Umfeld. Kooperationen mit Technologiepartnern und branchenübergreifende Zusammenarbeit, beispielsweise mit dem Technologiesektor oder der Energiebranche, könnten Möglichkeiten zur Prozess-Automation entlang der gesamten Wertschöpfung liefern und Antwort auf die anspruchsvolle Lohnkostenstruktur Deutschlands sein. Die konsequente Rückbesinnung auf Qualität und Innovation ist essenziell und kann durch Allianzen und den Austausch mit geeigneten Partnern schneller als Ziel erreicht werden. Durch diese Maßnahmen kann der Markt sich im fairen Wettbewerb frei entfalten und die deutsche Automobilindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern.
„In jeder Krise stecken Chancen“, wusste schon Albert Einstein. Die deutsche Automobilindustrie befindet
sich unzweifelhaft in einer umfassenden Transformationsphase. Es gilt, viele Herausforderungen parallel
zu adressieren und innovative Lösungen zu finden. Eine solide Grundlage bieten jedoch die starken globalen Markennamen und die hohe Produktqualität. Für die Automobilhersteller gilt es nun, die Profile zu schärfen, agiler und effizienter zu werden, um in einem hart umkämpften und sich schnell verändernden Markt resilient zu sein. Noch kann das Ruder herumgerissen werden. Allerdings ist hierzu die gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten notwendig. ■
* Quelle: ifo Schnelldienst 05/2021
** Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz
Fotos: Getty, KPMG

