Artikel aus dem Handelsblatt Journal GovTech vom 20.02.2025
Liebe Verwaltung,
ich schreibe dir, weil ich dir ein Anliegen mitteilen möchte, das mich und viele andere Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland umtreibt: Wie kann die Verwaltung von morgen gestaltet werden, um besser zu der heutigen Arbeitswelt zu passen?
Ein Beispiel, das uns dieses Jahr besonders herausgefordert hat, ist das Arbeitszeitgesetz. Eigentlich soll es Klarheit und Schutz bieten, doch in der Realität ist es voll von Widersprüchen. Statt es ständig zu flicken, wäre es an der Zeit, es komplett neu zu denken. Es enthält Regeln, die kaum einzuhalten, nachzuverfolgen oder zu kontrollieren sind.
Unsere Arbeitswelt entwickelt sich in Richtung Vertrauensarbeitszeit – und gleichzeitig soll jede Arbeitsminute penibel dokumentiert werden. Diese Ansätze passen einfach nicht zusammen. Es ist praxisfremd und für alle Beteiligten behindernd.
Natürlich brauchen wir Regeln, um Unternehmen, die es nicht gut meinen, in Schach zu halten. Aber müssen deshalb alle anderen unter starren und überholten Regelwerken leiden? Wäre es nicht möglich, ein System zu schaffen, bei dem Unternehmen durch transparentes und verantwortungsvolles Handeln zeigen können, dass sie sich anständig verhalten – und dafür flexibler agieren dürfen? Davon hätten sowohl Unternehmen als auch deren Mitarbeitende mehr als von den aktuellen starren Vorgaben.
Eine Verwaltung für die Arbeitswelt von morgen
Die Regeln der Verwaltung wurden ursprünglich geschaffen, um Ordnung, Fairness und Sicherheit zu gewährleisten. Ihr Zweck war es, Prozesse zu standardisieren, Willkür zu vermeiden und gleiche Bedingungen für alle zu schaffen.
Ich bin ein Fan von Vera F. Birkenbihl und sie betonte: „Regeln sollten nicht als Mittel gesehen werden, um Menschen einzuschränken, sondern um sie zu ermächtigen.“ Heute ist die wahre Herausforderung, diesen ursprünglichen Zweck mit der modernen Arbeitswelt in Einklang zu bringen.
Viele der aktuellen Gesetze und Vorschriften scheinen jedoch aus einer Generation zu stammen, deren Lebensrealität in den 60er- und 70er-Jahren lag – einer völlig anderen Zeit. Starre Regeln stehen oft genau den Werten im Weg, die sie schützen sollen: Eigenverantwortung, Kreativität und Innovation.
Kannst du dir vorstellen, von der Praxis der Arbeitswelt zu lernen? In unserem Familienunternehmen KEIL hinterfragen wir jedes „Das war schon immer so“. Solche Aussagen sind für uns ein Grund, genauer hinzusehen. Denn dieses „das war schon immer so“ stammt aus der Vergangenheit und wir wollen für die Zukunft handeln.
Die Frage ist ja, ob die Regeln der Verwaltung noch dem dienen, wofür sie geschaffen wurden? Wurden sie nicht ins Leben gerufen, um Vertrauen, Gerechtigkeit und Gleichheit zu fördern? Und wenn ja, erfüllen sie diesen Zweck heute noch in vollem Umfang?
Als ich bei KEIL in der Bauindustrie angefangen habe, traf ich auf starre ungeschriebene Regeln: wie man sich zu kleiden hat, wie man sich zu verhalten hat. Der Versuch, mich anzupassen, hat mich kreativ erstickt.
Nach zwei Jahren habe ich die Reißleine gezogen. Ich bin ausgestiegen, habe die Nachfolge im Familienunternehmen abgebrochen und bin in die Fitnessbranche gewechselt. Dort fand ich die Freiheit, die mir in der Bauindustrie fehlte. Es war willkommen neue Ideen oder Verhaltensweisen einzubringen.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Zu enge Rahmenbedingungen verhindern nicht nur schlechte Praktiken, sondern oft auch das Gute – Innovation, Mut und Individualität.
Natürlich brauchen wir Regeln, um das Schlechte zu verhindern. Aber warum sollten wir nicht all jenen, die verantwortungsvoll handeln, auch mehr Freiheiten zugestehen? Es hat knapp zwei Jahre gedauert, bis ich mir wieder bewusst wurde, was in mir steckt – all das, was die Regeln und der Rahmen der Industrie und des Mittelstands vernebelt hatten.
Mit diesem Bewusstsein habe ich einen zweiten Versuch gestartet, und bin wieder in unser Familienunternehmen zurückgekommen, aber diesmal mit der klaren Überzeugung, mich nicht mehr an diese starren Regeln zu halten. Es fing klein an:
„Morgen keine Sneaker?“ – „Von wegen, dann sogar die roten.“ „Im Adlon braucht es ein Kostüm oder das kleine Schwarze?“ – „Dann nehme ich die Leo-Baggy-Hose und den alten Strick-Pullunder mit meinem Namen.“ „Zeig, dass du eine Geschäftsführerin bist!“ – „Klar, ich drucke Visitenkarten mit ‚Praktikantin‘ drauf.“
Wir haben es immer weitergetrieben, in unserer gesamten Unternehmenskultur und dem Außenauftritt. Klar, das ist rebellisch und provoziert. Aber in jeder dieser Situationen habe ich Unternehmer getroffen, die sagten: „Hätte ich mich das mal getraut.“ Für sie hat es sich gelohnt. Denn es gab ihnen Mut, die unterschwelligen Regeln zu brechen und wieder kreativer, mutiger und individueller zu werden.
Das zeigt mir: Viele wollen ausbrechen, trauen sich aber nicht. Und das sind nur die unausgesprochenen Regeln. Stell dir vor, was die schriftlich festgehaltenen Gesetze wie das Arbeitszeitgesetz bewirken. Sie nehmen Mut und Kreativität für neue Ansätze.
Vera F. Birkenbihl hat auch gesagt: „Starre Systeme brechen, flexible Systeme überleben.“ Vielleicht liegt genau hier der Ansatz: Verwaltungsregeln, die Flexibilität fördern, statt sie zu unterbinden. Ein System, das Prinzipien definiert, statt jedes Detail zu kontrollieren, würde Unternehmen nicht nur entlasten, sondern auch die Bereitschaft stärken, aktiv mitzugestalten.
Bitte versteh mich nicht falsch: Ich bin ein Fan von Regeln und Gesetzen. Im Alltag, im Job und auch als Mutter brauche ich sie. Aber wenn jemand beweist, dass er verantwortungsvoll handelt, sollten Regeln auch lockerer werden dürfen und damit eine Freiheit und Flexibilität in der Verwaltung entstehen.
Der deutsche Mittelstand hat das unzählige Male bewiesen. 90 Prozent davon sind Familienunternehmen. Natürlich übernehmen wir Verantwortung. Wir tragen sie tagtäglich – für über 30 Millionen Arbeitsplätze. Unser Unternehmen KEIL ist als „Marke des Jahrhunderts“ und „Arbeitgeber der Zukunft“ ausgezeichnet. Schön für die Werbung, aber vom Staat bekommen wir dafür kein bisschen mehr Vertrauen und in der Verwaltung ändert sich daher für uns gar nichts. Die Verantwortung tragen wir dennoch weiter.
Liebe Verwaltung, gib uns wenigstens die Chance, Vertrauen zu erarbeiten. Lass uns gemeinsam Freiräume schaffen, die Deutschland wieder Kreativität und Entfaltungsspielraum ermöglichen. Beides brauchen wir dringend, wenn wir als Land nicht nur mithalten, sondern innovativ vorangehen wollen.
Lasst uns Individualität möglich machen. Gib uns eine Chance, uns diese Freiheit zu verdienen.
Liebe Grüße,
Gerda Söhngen