Frau Schmidt, das AI Lab ist jetzt bald ein Jahr alt, wie feiern Sie den ersten Geburtstag?
Wir freuen uns über den guten Start. Aber bevor wir die Torte anschneiden, gibt es noch viel zu tun. Damit wir den Kunden unserer Konzernmarken künftig noch mehr digitale Produkterlebnisse bieten können, müssen wir uns noch intensiver mit Tech-Unternehmen verzahnen und schneller auf Trends und Entwicklungsumschwünge reagieren.
Was ist die Aufgabe des AI Labs im Volkswagen Konzern? Warum wurde es auf den Weg gebracht?
Wir sehen, dass neue Technologien und Geschäftsmodelle außerhalb der Automobilbranche entstehen – wie etwa Künstliche Intelligenz. Wir trennen uns deshalb vom Anspruch, alles selbst entwickeln zu können, und verbünden uns dort mit starken Partnern, wo es sinnvoll ist. Dafür braucht es eine Kommunikation auf Augenhöhe. Im AI Lab bringen wir unser Spezialwissen für den Konzern in den Dialog mit der Tech-Branche ein. Wir sprechen für den Konzern, und wir sorgen dafür, dass Geschäftsideen und Projekte schnell zur Prüfung gebracht werden.
Wie funktioniert das konkret?
Wir agieren wie eine Scouting-Abteilung für den Volkswagen Konzern, die Innovationen identifiziert, um sie dann in das Unternehmen zu tragen. Wir sondieren weltweit Ideen, die zu Volkswagen passen und die für unsere Produkte relevant sein könnten – häufig in einer sehr frühen Phase. Dafür gehen wir in den Austausch mit den großen Tech-Playern, aber auch mit Start-ups. Diese Aufgaben übernehmen wir konzernübergreifend. Wir sehen uns als kleines, aber effektives Team aus Spezialistinnen und Spezialisten, die Wissen aus dem Markt generieren sowie mögliche Partnerschaften prüfen.
Aus welchen Bereichen stammen die Expertinnen und Experten, die im Lab arbeiten?
Ziel unserer Arbeit ist es, digitale Prototypen neuer Projekte rasch zu entwickeln und zur Umsetzung an die Konzernmarken zu übergeben. Deshalb kombinieren wir im Team Technologieexpertise im Bereich Künstliche Intelligenz mit Fachwissen zur Regulatorik. Denn die großen Fragen des technologischen Fortschritts und Mehrwert für Kunden sind oft eng mit der jeweiligen Gesetzgebung verknüpft. Also konkret: Was ist wo erlaubt? Was wird gefördert? Das kann in der EU, Nordamerika und China sehr unterschiedlich ausfallen.
Unsere Analyse fließt direkt in die Bewertung von Geschäftsideen ein. Das ist effizient und beschleunigt den Entscheidungsprozess. Damit treiben wir Innovation im Konzern gezielt voran.
Wie kann man sich den Alltag im Lab vorstellen?
Sehr dynamisch. Wir sind viel unterwegs. Denn wir wollen so oft und so direkt wie möglich im Gespräch mit Technologieunternehmen sein. Nur so baut sich Vertrauen und Verständnis auf, gerade auch mit internationalen Gesprächspartnern. Spannend wird es, wenn wir Erprobungsprojekte mit Partnern vor Ort organisieren, um Entscheidern bei uns im Unternehmen zu zeigen, was aus Powerpoints und Gesprächsprotokollen tatsächlich werden kann.
Funktioniert das – neue Projekte, Ideen und Geschäftsmodelle in einen solch riesigen Konzern hineintragen? Wie gehen Sie vor?
Absolut, das funktioniert sehr gut. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Potenzielle Partner, die mit dem großen Volkswagen Konzern ins Gespräch kommen wollen, wissen oft nicht, wen sie anrufen sollen. Wir als AI Lab agieren als erster Ansprechpartner und öffnen Türen. Zum anderen gehen wir, sobald wir tragfähige Innovationen identifiziert haben, im nächsten Schritt auf die Marken und Konzernbereiche zu und stellen das Konzept vor. Dort teilen wir unser Wissen sowie unsere Kontakte.
Ob die Ideen, diew wir ins Unternehmen tragen, umgesetzt werden, entscheiden die Marken und Bereiche im Konzern selbst. Sie beurteilen die strategische Relevanz, bewerten mögliche Alleinstellungsmerkmale und prüfen das Umsatzpotenzial. So greift alles ineinander. Wir wollen deutlich mehr Impulse ins Unternehmen hineintragen. Wir sind ein Beschleuniger.
Automobilindustrie und Tech-Sektor: Passt das zusammen?
Wie kommen Sie bei Ihren Gesprächspartnern aus der Tech-Szene an? Automobilindustrie und Tech-Branche sind in eine neue, pragmatische Phase der Zusammen¬arbeit eingetreten. Beide Seiten haben erkannt, dass sie sich nicht gegenseitig überbieten können. Nur Zusammenarbeit schafft den maximalen Mehrwert für Kunden und in Folge geschäftlichen Mehrwert. Wir erhalten nahezu täglich Anfragen – von großen Unternehmen, aber auch kleinen, die wir noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Natürlich sind der Konzern und seine Marken attraktive Gesprächspartner für die Tech-Szene, das waren sie auch schon vor dem AI Lab. Unser Ansatz funktioniert aber deshalb so gut, weil viele große Tech-Player ihren Fachbereichen gewissen Freiraum geben, und diese dadurch kreativer agieren können. Das ist sonst nicht die bestimmende Organisationskultur in der Autoindustrie. Unsere Experten dürfen „out of the box“ denken, Ideen auf den Tisch bringen und wieder verwerfen. Diese Flexibilität und den ergebnisoffenen Austausch wissen Tech-Unternehmen sehr zu schätzen.
Wie profitieren die Kunden des Volkswagen Konzerns von neuen Partnerschaften?
Das ist unsere Priorität, denn sonst würden wir es nicht machen. Es geht hier nicht um Schmuckfedern fürs Unternehmen. Jede Kooperation soll einen konkreten Mehrwert für unsere Kunden bieten. Das Produktangebot wird erweitert, neue technische Lösungen kommen schneller zu einem attraktiven Preis. Dabei denken wir global und handeln regional. Wie schon gesagt: Die Rahmenbedingungen sind je nach Markt sehr unterschiedlich, daher werden wir auch mit verschiedenen Partnern an verschiedenen Lösungen arbeiten. Klar ist: Das Auto der Zukunft wird es ohne tiefgehende Kooperationen mit Technologiepartnern nicht geben.
Wird sich das Aufgabenfeld des Labs perspektivisch erweitern?
Wir fokussieren uns zurzeit sehr stark auf Projekte, die künstliche Intelligenz nah am Kunden nutzen wollen. Wir wollen uns selbst gedanklich so wenig Grenzen wie möglich setzen und uns dynamisch mit der Tech-Szene weiterentwickeln. Das macht großen Spaß und bringt sicher noch so manche Überraschung.
Wo steht das AI LAB in einem Jahr?
Wir wollen – und werden – liefern. In einem Jahr möchten wir auf mehrere Projekte im Konzern zurückblicken, die wir erfolgreich mit an den Start gebracht haben. Dabei werden wir KI-Innovationen in unsere Produkte integrieren. Aber eben nicht nur. Es geht uns darum, ein Wissensnetzwerk für Volkswagen aufzubauen, Kontakte vertrauensvoll zu pflegen und frühzeitig von Umschwüngen in der Tech-Szene zu erfahren. Im besten Fall resultiert daraus eine strategische Partnerschaft mit einem Unternehmen aus der Branche. Wir sind sehr zuversichtlich, dass uns das auch gelingen wird, und freuen uns auf die nächsten Schritte.