Ein Dachdecker geht morgens putzmunter und gesund zur Arbeit, merkt auf dem Dach nicht, wie ihn im Hochsommer die pralle Sonne von oben und die schwarze Dachpappe von unten überhitzen, klettert schwindelig noch die Leiter herunter, kommt ins Krankenhaus, direkt auf die Intensivstation, und ist mit keiner medizinischen Intervention mehr zu retten. Morgens munter, mittags überhitzt, abends tot. Keine Übertreibung, ein echter Fall aus Süddeutschland. Ok – sie sind wahrscheinlich kein Dachdecker. Sonst würden Sie jetzt gerade auch nicht Handelsblatt lesen. Und dennoch geht diese Patientengeschichte uns alle an, weil sie keine Panik machen soll, sondern ein Bewusstsein dafür, dass wir, unsere Wirtschaft, unsere Lieferketten und Leistungsträger vulnerabler sind, als wir uns das eingestehen. Wenn Sie jemand sind, der sich Gedanken macht, wie es in Ihrer Branche weitergeht, wie mit dem Standort Deutschland, und wie wir alle unsere Gesundheit schützen können in sehr ungesunden Zeiten, dann haben wir etwas gemeinsam.
Ich bin Arzt, Wissenschaftsjournalist und beschäftige mich die letzten Jahre intensiv mit der Frage, wie unsere eigene persönlichen Gesundheit mit den Veränderungen der Extremwetter und des Artenreichtums zusammenhängen. Dafür habe ich die Stiftung „Gesunde Erde-Gesunde Menschen“ gegründet, ein wissenschaftsbasierter und überparteilicher Thinktank mit 20 Mitarbeitenden, um die meiner Ansicht nach entscheidenden Aspekte in die festgefahrenen Debatte einzubringen: „Wir müssen nicht das Klima retten – sondern uns.“ Gesundheit beginnt nicht mit einer Pille, einem MRT, oder einer Operation. Auch nicht mit Nahrungsergänzungs – und Longevityprodukten. Gesundheit beginnt mit der Luft, die wir atmen, mit dem Wasser, was wir trinken können, Pflanzen zum Essen, erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander. Ein Blick in die aktuellen Nachrichten reicht, um zu verstehen: alle fünf Lebengrundlagen sind akut in Gefahr, und nichts davon wird von alleine besser. Um jetzt verantwortlich zu entscheiden, müssen wir uns anpassen, und diese Jahrhundertaufgabe nicht verpassen. Deshalb freue ich mich sehr auf die meines Wissens erste deutsche Tagung zu „Corporate Climate Adaptation“ zusammen mit dem Handelblatt in Düsseldorf. Ich darf in der Eröffnungssession einen Impuls geben und mit Expertinnen und Experten auf dem Panel über die konkreten nächsten Schritte sprechen. In diesem Zusammenhang entstand auch dieser Beitrag.
Panikmache? Nein. Es ist wichtig, dass wir uns darüber unterhalten, woran Menschen sich anpassen können, und woran nicht. Denn unsere Fähigkeit, das Offensichtliche auszublenden, ist erstaunlich. Wir erklären Dinge ständig zu „Jahrhundertereignissen“, so als wären wir nicht gerade erst Ende des ersten Viertels dieses Jahrhunderts und als hätte man nach einem „Jahrhundertereignis“ die nächsten 75 Jahre garantiert Ruhe. Menschen sind bekanntermaßen nicht gut darin, aus ihren eigenen Beobachtungen statistische Zusammenhänge zu destillieren. Zudem interpretieren wir Dinge gerne entlang unserer vorgefassten Meinung, was in der Psychologie als einer der mächtigsten Denkfehler gilt, der „confirmation bias“ – der Bestätigungsirrtum.
Umso mehr lohnt es sich, mit Versicherungsunternehmen zu sprechen. Unter Rückversicherern gibt es keine Klimaleugner. Allianz-SE-Vorstand Günther Thallinger verfügt über 750 Milliarden Euro an Assets. Und bezieht klar Stellung: „Ohne eine Sicht auf Nachhaltigkeit werden Unternehmen mit überhöhten Energiekosten arbeiten müssen und womöglich Stranded Assets zu verarbeiten haben. Unternehmen, in die wir Gelder unserer Versicherten investieren, ermutigen und unterstützen wir dabei, die Risiken und Chancen für ihre Geschäftstätigkeit anzugehen. Wir haben viele konkrete Beispiele, in denen Unternehmen entsprechende Maßnahmen ergriffen haben, etwa interne CO2-Bepreisung, quantifizierte Transformationspläne sowie Arbeitssicherheit als Teil der Vorstandsvergütung, um nur drei zu nennen.“
Aber können wir uns das leisten? Das ist die falsche Frage. Die richtigere Frage heißt doch: Was kostet es uns, nichts zu tun? Günther Thallinger weiter: „Die gegenwärtige Wirtschaft ist zu teuer und belastet den Planeten weit über ökologische Grenzen hinaus. Öl und Gas importiert man einmal und verbrennt es. Ein Weiter-wie-bisher funktioniert auch deshalb nicht, weil die Kosten für klimaverursachte Schäden und die Anpassung an immer extremere Klimaphänomene viel zu teuer wird. Zukünftige Generationen werden den Auswirkungen der Erderwärmung am stärksten ausgesetzt sein. Die heutige Generation von Entscheidungsträgern kann jetzt versuchen, ein Leben ohne Veränderungen zu führen, jedoch mit sehr harten Rückschlägen in naher Zukunft, oder sie kann den künftigen Generationen viel Arbeit ersparen. Ich zähle auf rapid fallende Kosten für Photovoltaik, Windenergie und Batteriespeicher – und auf die Vernunft der heutigen Entscheidungsträger.“
Mich erinnert die Kurzsichtigkeit der Investitionsentscheidungen an das alte medizinische Dilemma „There is no glory in prevention“. Es gibt im Gesundheitsbereich kein Geschäftsmodell für das Verhindern von Erkrankungen. Und deshalb zahlen wir als Gesellschaft so viel für Kollateralschäden von Übergewicht, Luftverschmutzung, Allergien bis hin zu psychischen Erkrankungen, deren Behandlungskosten und die dadurch bedingten Arbeitsausfälle in der Summe in der Größenordnung liegen, wie die gesamte deutsche Automobilindustrie. Apropos „mental health“. Wann hatten Sie das letzte Mal einen richtig guten Einfall bei über 30 Grad? Warum redet man von „hitzigen Debatten“ und von „einen kühlen Kopf bewahren“? Weil unser Hirn noch empfindlicher auf Temperaturerhöhung reagiert als unsere Handys und die Server. Wer rechnen oder denken will braucht dafür eine geeignete Betriebstemperatur. Und während in den Unternehmen viel Hirnschmalz investiert wird, damit die zentralen Festplatten nicht überhitzen, lassen wir all die Zentralnervensystem der Mitarbeitenden mitsamt ihren Körpern in ihrem eigenen Saft schmoren. Jede und jeder vierte Beschäftigte in Deutschland fühlte sich bereits durch Hitze stark belastet, wie ein Report der Krankenkasse DAK zeigt. Allein 2022 gingen laut Lancet Countdown in Deutschland 34 Millionen Arbeitsstunden durch Hitzewellen verloren. „Es wird erwartet, dass Hitzestress am Arbeitsplatz die Weltwirtschaft im Jahr 2030 2,4 Billionen US-Dollar kosten wird“, sagte UN-Generalsekretär António Guterres mit Daten der International Labour Organization. Dazu kommen viele weitere „Störungen im Betriebsablauf“, wie die Bahn das gerne nennt: vermehrte Waldbrände, Kühl – und Lieferketten werden unterbrochen, Menschen kommen nicht von A nach B, Waren wegen Niedrigwasser auch nicht.
Und die Seele leidet! Psychische Erkrankungen nehmen drastisch mit jedem Grad Überhitzung zu, wir sind allesamt gereizter und impulsiver, was sich in der Statistik niederschlägt: mehr Unfälle, Suizide und Hassmails. Die dramatischeren Bilder gibt es vom Ahrtal, oder vom Unwetter beim EM-Achtelfinale Deutschland gegen Dänemark im Dortmunder Westfalenstadion. Der stille Killer und Kostentreiber ist aber die Hitze, mit Abstand der größte Posten auch in einer großen Studie von Oliver Whyman „/Quantifying-climate-change-impact-on-human-health“. (https://www.oliverwyman.com/our-expertise/insights/2024/jan/quantifying-climate-change-impact-on-human-health.html)
Jedes Grad Celsius über etwa 25 °C senkt die Produktivität um 2–4 %, je nach Tätigkeit. Besonders betroffen sind wie das eingangs gezeigte Beispiel alle, die im Freien arbeiten, also Baugewerbe, Landwirtschaft aber auch Lieferdienste, Polizei und Feuerwehr. Aber auch wer im Büro oder im Homeoffice versucht, sich zu konzentrieren, merkt die Einbuße an kognitiver Leistung. Ab 30 °C verschärft sich dieser Effekt deutlich, mit gesamtwirtschaftlichen Verlusten von bis zu 10–12 % je Hitzewelle.
Oft unterschätzt und nicht eingepreist: der Verlust an Biodiversität. Mit der Kampagne „Echte Leistungsträger“ hat meine Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen gezeigt: Artenreichtum sichert uns Wirtschaftsleistung und Gesundheit. Mein Lieblingsbeispiel: „Was kostet ein Glas Honig, wenn die Biene Mindestlohn bekommt?“ Da lag bisher jeder falsch. Die Antwort: 300.000 Euro! Wenn ich den Film dazu in meinen Impulsvorträgen zeige, höre ich buchstäblich, wie im Publikum der Groschen fällt. Insekten erschaffen weltweit einen jährlichen Wert von 500 Milliarden Dollar pro Jahr. Also genau die Summe, die gerade in den USA mit viel Tamtam in KI investiert wird. Ein Drittel der Arten ist akut bedroht, in Deutschland fehlen in manchen Regionen bereits drei Viertel aller Insekten. Können wir das ersetzen? Mit Drohnen, KI oder Pinsel? Nein.
Die Insekten, die Ameisen, die Regenwürmer sind echte Leistungsträger der Wirtschaft und Innovationstreiber. Haben wir den Klettverschluss erfunden? Nee, das war die Klette. Haben wir das Aspirin erfunden? Nee, das war die Weidenrinde. Und aus den Nadeln der Eibe stammt ein wichtiges Mittel gegen Krebs, Paclitaxel – mit Millionen Umsätzen im Jahr. Ein Beispiel aus der Kampagne sehen sie in der Abbildung. Mehr als die Hälfte der Antibiotika und Chemotherapien beruhen auf Natur. Mit jeder Art, die wir ausrotten, geht dieser Innovationsschatz verloren. Für immer. Vielleicht auch lebensrettende Substanzen! Und uns entgeht ein Riesengeschäft! Denn die Natur stellt uns für ihre Dienstleistungen, ihre Erfindungen und ihre Patente keine Rechnung. Dabei ist die Summe der sogenannten „Ökosystemleistungen“ fast das doppelte von dem wert, was die menschliche Wirtschaftsleistung ausmacht. Die beste Investition in die Zukunft, ist heute die artenreichsten Gebiete auf der Erde, die Juwelen der Biodiversität zu schützen. In Deutschland alle Moore, Streuobstwiesen und das Wattenmeer. Und die wichtigsten zusammenhängenden Gebiete rund um den Äquator. Mit dem „Legacy Landscape Fond“ fördert das die KfW. Win-Win-Win. Da kann man Steuern sparen und was Sinnvolles tun. Die Erde ist der einzige Planet im Universum mit Kaffee, Sex und Schokolade. Besser wird es nirgendwo. Und vielleicht hilft es, zu wissen: was wir hier Einzigartiges haben, kostet etwas. Was ist es uns wert?
Infobox
Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen. Mit der Kampagne „Echte Leistungsträger“ zeigt er mit überraschenden Fakten, wie grundlegend biologischer Artenreichtum für die Wirtschaft ist: https://echte-leistungstraeger.de
„Es ist schwer, ehrenamtlich die Welt zu retten, wenn andere sie hauptberuflich zerstören.“ Deshalb hat Dr. Eckart von Hirschhausen die Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen gegründet. Sie mobilisiert Gesundheitswesen, Politik und Gesellschaft für den Schutz der Planetaren Gesundheit und eine enkeltaugliche Zukunft. Mit Kommunikation, die Kopf und Herz erreicht. Denn: Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.