Angela Merkel warnt vor den Machtverschiebungen durch KI

Angela Merkel tritt nur selten öffentlich auf. In Köln nutzte die frühere Bundeskanzlerin einen solchen Auftritt, um nicht nur über den Ausgang der Wahl in Sachsen-Anhalt und die Lage der CDU zu sprechen, sondern auch über die Folgen Künstlicher Intelligenz. Dabei formulierte sie drei zentrale Gefahren – und erzählte eine Anekdote über Seniorenschuhe.

Roboter mit „Merkel-Raute“: „Es findet ein geistiges Enteignungsprogramm erster Ordnung statt“, warnt die Altkanzlerin. (Optik: Stephan Scheuer / GPT Image 2)

Warum das wichtig ist

Merkel ist keine KI-Expertin. Ihre Perspektive beruht vielmehr auf ihrer Erfahrung als Politikerin, die über 16 Jahre hinweg erheblichen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland und international hatte. Sie kennt die politischen Entscheider, wirtschaftlichen Mechanismen und möglichen Folgen großer Machtverschiebungen.

Besonders kritisch betrachtet Merkel das Zusammenspiel von technologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Macht bei den großen Technologiekonzernen. Die Entwicklung beschäftigt und alarmiert die frühere Spitzenpolitikerin. „Wir müssen aufgeregter sein“, forderte sie.

Gefahr 1: Das „geistige Enteignungsprogramm“

Für Merkel stellt sich die Frage nach geistigem Eigentum durch KI grundsätzlich neu. „Es findet ein geistiges Enteignungsprogramm erster Ordnung statt. So etwas hat die Menschheit wahrscheinlich noch nicht gesehen“, sagte sie.

Als Beispiel verwies sie auf Antiquariate: „Antiquariate werden leergekauft, anschließend werden die Bücher vernichtet und alles wird eingefüttert.“ Auch wer über

soziale Netzwerke Bilder, Texte oder Videos teilt, kann damit – bewusst oder unbewusst – Technologiekonzernen geistiges Eigentum zur Verfügung stellen.

„Wir sind die Lebenserhalter dieser Technologien und dürfen uns zum Schluss nicht von denen auf dem Kopf herumtanzen lassen“, sagte Merkel.

Eine Regulierung der technologischen Entwicklung hält sie für schwierig, aber grundsätzlich möglich. Als Vergleich verwies sie auf die Atomwaffen: Nach dem Einsatz der Atombomben gegen Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkriegs sei die Technologie international reglementiert worden.

Auch das Steuersystem müsse nach Merkels Ansicht möglicherweise neu gedacht werden. Wenn menschliche Arbeit zunehmend durch KI und Roboter ersetzt werde, stelle sich die Frage nach der bisherigen Grundlage der Besteuerung neu: „Was besteuern wir eigentlich, wenn wir keine menschliche Arbeit mehr haben?“

Gefahr 2: Mentale Atrophie

Das zweite Problem sieht Merkel nicht ausschließlich in der Technologie selbst, sondern in der Frage, wie Menschen mit ihr umgehen. Dabei greift sie auf einen zentralen Gedanken der Aufklärung zurück. „Wir sind ja alle Kinder der Aufklärung, und der Kernsatz von Kant ist: ‚Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen‘“, sagte sie.

Dieser Leitgedanke gerät aus ihrer Sicht unter Druck, wenn Menschen das eigene Denken zunehmend an KI-Systeme delegieren. Entscheidend sei deshalb nicht allein die Antwort einer KI, sondern die Fähigkeit des Menschen, überhaupt die richtige Frage zu formulieren.

„Die Frage, die ich habe, muss ich ja noch selbst formulieren. Ich muss ja eine ganz klare Vorstellung haben: Wo will ich hin?“, sagte Merkel. Ohne eigenes Wissen lasse sich kaum eine brauchbare Frage stellen. Ihr Mathematikprofessor habe dazu einen Satz geprägt: „Womit wollen Sie denken, wenn Sie nichts im Kopf haben?“

Angela Merkel in Köln: „Es findet ein geistiges Enteignungsprogramm erster Ordnung statt.“ (Foto: Getty Images)

Gefahr 3: „Staatsmonopolistischer Kapitalismus“

Die dritte Gefahr betrifft die wirtschaftliche Macht der großen Technologiekonzerne. Während ihrer Amtszeit musste Merkel politische und wirtschaftliche Entscheidungen in großen Dimensionen treffen. Die derzeitigen Investitionen der US-Technologiekonzerne sieht sie jedoch in einer anderen Größenordnung.

„Die vier größten Tech-Unternehmen der Vereinigten Staaten von Amerika geben dieses Jahr 725 Milliarden Dollar für neue Rechenzentren aus“, sagte Merkel. Die EU investiere über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren 1000 Milliarden Dollar. Ihre zentrale Beobachtung: Einzelne Konzerne verfügen inzwischen über eine wirtschaftliche Macht, die kaum ein Staat der Welt aufbringen kann.

Auf derselben Bühne in Köln verwies auch Telekom-Chef Timotheus Höttges auf die enormen Ausgaben der US-Technologiekonzerne. „Wer bezahlt diese Systeme eigentlich? Sind wir doch nicht naiv – am Ende werden wir alle diese Kapitalkosten bezahlen müssen“, sagte Höttges.

Gleichzeitig kündigte der Telekom-Chef eine neue KI-Offensive des Unternehmens an. Der Dax-Konzern ist Organisator der Digital-X-Konferenz.

Merkel sieht angesichts der wachsenden Marktmacht der Technologiekonzerne einen Bedarf für ein wirksames Wettbewerbsrecht, das die Entstehung von Oligopolen verhindern soll. Dabei zog sie einen Vergleich zu ihrer Kindheit in der DDR.

„In der DDR habe ich in meiner Schulzeit gelernt: staatsmonopolistischer Kapitalismus. Der Staat macht, was die Konzerne anordnen“, sagte Merkel. Eine ähnliche Machtkonzentration könne heute auf andere Weise wieder entstehen.

Timotheus Höttges: Der Telekom-CEO plädiert für mehr Souveränität im Umgang mit US-Firmen und Kontrolle über die eigenen Daten. (Foto: Henning Kaiser / dpa)

Trotz aller Warnungen bleibt Merkel optimistisch

Merkel zeichnete zugleich kein grundsätzlich pessimistisches Bild der Zukunft. „Wir leben in einer tollen Zeit“, sagte sie. Gerade im Alltag könne KI und Robotik künftig Aufgaben übernehmen, die für Menschen mühsam oder körperlich belastend sind.

Als ihre Mutter älter wurde, habe sie sich beispielsweise gefragt, warum es niemanden gebe, der ihr die Zitronen auspresst, wenn sie dies selbst nicht mehr könne. Auch Merkel selbst hoffe darauf, dass ein Roboter künftig lästige Hausarbeit übernehmen könne.

Eine andere Erfahrung mit Technologie fällt dagegen weniger positiv aus. Merkel berichtete von ihrer Nutzung der Plattform Instagram. Sie habe sich mit dem sozialen Netzwerk angefreundet, weil es eine Möglichkeit biete, unterschiedliche Themen zu verfolgen. Gleichzeitig könne die Plattform „ein bisschen spooky“ werden.

Nachdem sie sich mit rutschfesten Schuhen für den Winter beschäftigt habe, sei ihr anschließend immer wieder Werbung für Seniorenschuhe angezeigt worden. „Das ist ja nur ein Beispiel, ich will jetzt mal nicht zu viel auspacken“, sagte Merkel.

Die Beispiele zeigen, dass es bei der KI-Debatte aus Merkels Sicht nicht nur um einzelne Anwendungen geht. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie sich Macht zwischen Individuen, Unternehmen und Staaten verschiebt.

Ihr Verweis auf Kant bekommt vor diesem Hintergrund eine größere Bedeutung. Es geht nicht nur um die Fähigkeit des Einzelnen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Auch Volkswirtschaften müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wie viel wirtschaftliche und technologische Macht sie an Rechenzentren und Technologiekonzerne abgeben wollen, deren Entscheidungen maßgeblich aus dem Silicon Valley heraus getroffen werden.


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