ADAPT to WIN – Klimaanpassung als Wachstumsmarkt: Was Unternehmen jetzt wissen müssen

Klimarisiken sind längst kein fernes Zukunftsszenario mehr, sondern ganz gewisse Gegenwart. Hitzewellen über 40 Grad in Deutschland, Starkregen und Überschwemmungen in Bayern, Dürren in der Landwirtschaft, Waldbrände in Mitteleuropa – sie treffen Unternehmen heute schon ins Mark.

Während die Debatte über Klimaschutzmaßnahmen (Mitigation) weiter dominiert, verschärft sich parallel die Notwendigkeit der Klimaanpassung (Adaptation). Sie schützt nicht erst in Jahrzehnten, sondern unmittelbar – und eröffnet enorme Marktchancen. Der Staatsfonds von Singapur (GIC) spricht von einer inevitable investment opportunity im Umfang von bis zu neun Billionen US-Dollar bis 2050.

Im Handelsblatt-Webinar ADAPT to WIN diskutierten drei Expertinnen und Experten mit Moderator Daniel Schmitz-Remberg und den zahlreichen Teilnehmenden über die Dringlichkeit, den Business Case und die Innovationsdynamik von Climate Adaptation:

  • Kai Karolin Wunsch, Munich Re Risk Management Partners, Senior Managerin Strategic Product Development.
  • Anja Rath, Managing Director bei PT1, mit über 20 Jahren Venture Capital Erfahrung und Analyse von mehr als 4.000 Start-ups für den aktuellen „Infrastruktur, Energie und Gebäude“ VC Fonds.
  • Felix Kaiser, Gründer von ResistVC, dem ersten Angel-Syndikat für Klimaanpassung.

Die Kernaussage: Adaptation ist keine Option mehr – sie ist eine Notwendigkeit. Und sie ist ein Wachstumsmarkt, den Unternehmen und Investoren jetzt erschließen müssen.

1. Risiken erkennen: Warum Adaptation in Europa jetzt zählt

„Viele sagen, Adaptation nimmt uns die Hoffnung, dass wir es mit Klimaschutz noch schaffen. Für mich ist es genau umgekehrt: Klimaanpassung ist die Hoffnung – weil wir uns anpassen können“, eröffnete Moderator Daniel Schmitz-Remberg das Webinar.

Damit war der Rahmen gesetzt: Neben Dekarbonisierung braucht es dringend Strategien, die Menschen, Unternehmen und Wertschöpfungsketten vor den Folgen des Klimawandels schützen.

Kai Karolin Wunsch zeichnete ein klares Bild: „Wir sehen inzwischen praktisch alle relevanten Klimarisiken auch hier in Europa.“ Dazu zählen:

  • Hitzewellen mit über 40 Grad, die auch deutsche Städte treffen.
  • Überschwemmungen und Starkregen, wie zuletzt in Bayern.
  • Dürren, die Landwirtschaft und Energieversorgung gefährden.
  • Waldbrände, die längst auch Mitteleuropa betreffen.
  • Meeresspiegelanstieg, etwa in den Niederlanden.
  • Gletscherschmelze und Glacial Lake Outburst Floods – plötzliche Flutwellen durch ausbrechende Gletscherseen.

Ihre Botschaft: Diese Risiken sind heute messbar und spürbar, sie bedrohen Assets, Infrastruktur und Lieferketten. „Es geht nicht nur um ökonomische Schäden, sondern auch um Biodiversität und Menschenleben.“

Für Unternehmen bedeutet das: Wer Risiken ignoriert, riskiert nicht nur Ausfälle, sondern auch Reputations- und Rechtsfolgen. Gleichzeitig entsteht ein Markt für Lösungen – von Datenplattformen über Kühltechnologien bis zu resilienten Materialien.

2. Business Case verstehen: Warum sich Anpassung rechnet

Die zentrale Frage vieler Unternehmen lautet: Lohnt sich das?

Anja Rath gab eine klare Antwort: „Am Ende geht es darum, Risiken zu mindern, Chancen zu nutzen und Kosten zu vermeiden.“ Frühwarnsysteme können Schäden in Milliardenhöhe verhindern, neue Materialien verlängern die Lebensdauer von Infrastruktur, und resiliente Energiesysteme sichern die Versorgung.

Kai Karolin Wunsch brachte es auf den Punkt: „Die Kosten für Anpassung liegen häufig im niedrigen Millionenbereich, während die Schäden durch Extremwetterereignisse oftmals ein Vielfaches davon betragen können. Wir nennen das Avoided Losses – Schäden, die durch Anpassungsmaßnahmen verhindert werden.“

Auch regulatorische Entwicklungen verstärken den Business Case. Banken müssen Klimarisiken in ihre Bilanzen einpreisen, Unternehmen müssen über physische Risiken berichten. Anpassung wird damit nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch regulatorisch notwendig.

Trotzdem fließt bislang nur ein Bruchteil des Kapitals in diesen Bereich. „Nur rund drei Prozent des VC-Fundings geht in Adaptation“, so Rath. Gründe seien fehlende Standards, unklare Metriken und zu geringe Sichtbarkeit.

Rath wies zudem darauf hin, dass Blended Finance hier ein Schlüssel sein kann: „Wenn öffentliche Gelder oder multilaterale Institutionen einen Teil des Risikos übernehmen, wird privates Kapital mobilisiert. So können wir viel schneller in die Skalierung kommen.“ Öffentliche und private Mittel müssen also zusammengedacht werden, um Adaptation als Anlageklasse zu etablieren.

Felix Kaiser ergänzte: „Der Business Case ist längst da. Anpassung ist günstiger als Nichtstun. Die Technologien sind marktreif, der Bedarf riesig. Die Frage ist: Warum sehen ihn noch so wenige?“

Für Investoren liegt hier eine historische Chance: Wer heute einsteigt, investiert nicht nur in Risikovermeidung, sondern in einen Zukunftsmarkt.

3. Innovation & Ökosystem: Wie Start-ups und Investoren den Markt entwickeln

Adaptation ist auch ein Innovationsfeld. Start-ups bringen neue Lösungen in den Markt, doch die Rahmenbedingungen in Europa sind herausfordernd.

Felix Kaiser berichtete aus seiner Praxis: „Wir haben in Europa fantastische Forschung, aber wir bleiben oft in Pilotprojekten stecken. In den USA sehe ich, dass Dinge schneller skaliert werden.“ Mit ResistVC hat er ein Angel-Syndikat gegründet, das ausschließlich in Adaptation investiert – ein Novum in Europa.

Er nannte zwei Beispiele aus dem Portfolio:

  • N4EA (USA): Eine Software, die Lieferkettenunterbrechungen vorhersagt – etwa blockierte Häfen oder nicht mehr schiffbare Flüsse. Unternehmen können so rechtzeitig gegensteuern.
  • Alganize (Deutschland): Mikroalgen-basierte Biostimulanzien, die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Hitze und Trockenheit machen und gleichzeitig Pestizide sowie Dünger reduzieren.

„Das sind echte Adaptation-Lösungen: Sie machen Systeme robuster – und sie rechnen sich sofort“, so Kaiser.

Anja Rath sah die größten Chancen in drei Clustern:

  1. Datenerhebung & Monitoring – Satelliten, Drohnen, IoT, KI.
  2. Resiliente Infrastruktur & Energiesysteme – dezentrale Netze, Speichertechnologien.
  3. Neue Materialien – hitze- und feuchtigkeitsresistent.

Doch entscheidend sei das Ökosystem: „Adaptation ist ein Querschnittsthema. Start-ups brauchen Partner, Pilotprojekte, gemeinsame Standards.“

Auch Kai Karolin Wunsch betonte die Rolle der Daten: „Daten sind die Basis für jede Risikoanalyse und Entscheidung. Sie ermöglichen es, Klimarisiken zu verstehen, zu bewerten und wirksam zu managen – ohne belastbare Daten ist eine erfolgreiche Anpassung nicht möglich.“

Damit aus Pilotprojekten skalierbare Lösungen werden, braucht es mehr Kapital, regulatorische Klarheit und Kooperation zwischen Corporates, Start-ups und Politik.

Wrap-up: Drei Botschaften zum Handeln

Am Ende des Webinars fasste Moderator Daniel Schmitz-Remberg die Debatte in drei Kernbotschaften zusammen:

  1. Adaptation ist ein Wachstumsmarkt, nicht nur Risikoabwehr.
  2. Es gibt enorme Investitions- und Innovationschancen – doch Europa leidet unter einem Kapital- und Awareness-Gap.
  3. Kooperationen sind entscheidend: Unternehmen, Start-ups, Investoren und Politik müssen enger zusammenarbeiten.

Die Schlussworte der Panelistinnen und Panelisten waren eindeutig:

  • Kai Karolin Wunsch: „Adaptation ist keine Option mehr – sie ist eine Notwendigkeit. Unternehmen sollten jetzt handeln, nicht erst in zehn Jahren.“
  • Anja Rath: „Adaptation ist eine riesige Chance, ein Markt, der gerade erst anfängt. Wer früh dabei ist, kann echte Transformation gestalten.“
  • Felix Kaiser: „Traut euch, in Adaptation zu investieren – ob als Unternehmen, Investor oder Start-up. Der Bedarf ist riesig, die Lösungen sind da.“

Fazit

Das Handelsblatt-Webinar ADAPT to WIN hat gezeigt: Klimaanpassung ist längst kein Randthema mehr, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor. Unternehmen, die jetzt handeln, schützen nicht nur Werte und Mitarbeitende, sondern erschließen sich auch neue Märkte.

Deutschland und Europa haben die Chance, global bei Adaptation vorne mitzuspielen – wenn sie den Mut aufbringen, in Lösungen zu investieren, die heute schon verfügbar sind.

Oder, wie Schmitz-Remberg es formulierte: „Klimarisiken sind real und nehmen zu. Anpassung ist machbar – und sie lohnt sich.“