2026 muss ein Jahr der Veränderung werden

Europa und Deutschland stehen 2026 vor immensen Herausforderungen. Es ist Zeit, entschlossen zu handeln. Ansonsten versinkt dieser Kontinent mit seinen knapp 750 Millionen Einwohnern in der Konkurrenz mit den USA und China in der Bedeutungslosigkeit – ökonomisch und weltpolitisch.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

Unsere Bereitschaft, uns aus der selbstverschuldeten Machtlosigkeit zu befreien, wird von anderen internationalen Playern permanent getestet. Und die bittere Erkenntnis ist: Wir bestehen diese Prüfungen nicht.

  • Kapitalmarkt: Dass es Europa 27 (!) Jahre nach Einführung des Euro noch nicht gelungen ist, einen integrierten EU-Finanz- und Kapitalmarkt aufzubauen, hat gravierende Folgen für die Unternehmensfinanzierung in Europa. Eigen- und Fremdkapital sind teurer als in den USA, Eigenkapitalrenditen – und damit oft auch Kosten für Kunden – müssen höher sein, um Investoren anzuziehen, Wachstumsinvestitionen rechnen sich dennoch häufig nicht. Es kann doch nicht sein, dass Europäische CEOs regelmäßig in den USA auf Roadshow gehen müssen, während US-Unternehmen leicht auf Finanzierung aus den Kapitalmärkten zurückgreifen können.
  • Weltpolitisch: Der – in Europa stattfindende! – Krieg gegen die Ukraine geht in das vierte Jahr, bei den Verhandlungen über eine friedliche Lösung zeigen die Europäer aber keine Handlungsfähigkeit, und schlimmer, keine Einigkeit. Mitgliedsstaaten, die offenbar Moskau näherstehen als Brüssel, schaffen es immer wieder, wichtige Entscheidungen zu blockieren.
  • Ökonomisch: Statt Europa entschlossen zu entbürokratisieren, wird aus dem Omnibus ein Kleinbus, der zu allem Überfluss auch nur mit den Stimmen der Rechten im EU-Parlament ins Ziel gebracht werden konnte. Gleichzeitig feiert sich das liberale Europa für einen AI-Act, der ein veritables Konjunkturprogramm für die US-amerikanische IT-Industrie ist, weil er innovationsfreudige Unternehmen aus Europa vertreibt.

Und in Deutschland? Wir sind immer noch tief gefangen in Rezession und Reformstau, mit Investitionszurückhaltung und einer zunehmend spürbaren De-Industrialisierung. Über all dem scheint der gesellschaftliche Zusammenhalt zu schwinden. Die politischen Ränder werden stärker, der Ton rauer. Das, was einst die bürgerliche Mitte der Gesellschaft war, scheint zu erodieren. So sieht es aus – nüchtern betrachtet. Und diese Nüchternheit brauchen wir als Diagnose. Man könnte aber auch etwas drastischer sagen: Eigentlich steht uns das Wasser bis zum Hals. Nun müssten wir schwimmen. Sonst gehen wir unter. Positiv gewendet: Die Probleme liegen auf dem Tisch. Wir können sie alle klar benennen. Und: Wir können sie lösen. Wir können durch mutiges Handeln die Zukunft aktiv beeinflussen. Unser Land hat in seiner Geschichte bereits viele Herausforderungen gemeistert. Uns ist es gelungen, aus den Trümmern des Krieges wieder Wohlstand, Wachstum und Frieden zu schaffen. Wir haben uns aus einem Reformstau und einer Rezession Anfang der Zweitausender Jahre herausgekämpft. Wir haben es immer wieder geschafft, Deutschland eine neue Perspektive zu geben, indem wir die Herausforderungen entschlossen angepackt haben.

Eigentlich steht uns das Wasser bis zum Hals. Nun müssten wir schwimmen. Sonst gehen wir unter.

Leonhard BirnbaumCEO, E.ON SE

Wir brauchen echte Reformen

Dafür aber brauchen wir eine klare Bereitschaft zu echten Reformen. Reformen kann man nicht durch Steuererhöhungen oder das Aussetzen der Schuldenbremse ersetzen. Es ist seit langem bekannt, dass die Sozialsysteme bezahlbarer aufgestellt werden müssen, weil die Lohnnebenkosten für Unternehmen und Bürger immer weiter steigen und Investitionen, Beschäftigung und Nettogehälter belasten. Wir brauchen wieder mehr Erwerbsbeteiligung, längere Lebensarbeitszeit in geeigneten Modellen und zielgenaue Qualifizierung. Das neue Digitalministerium hat mit ganz praktischen Initiativen begonnen, unsere Verwaltungen datengetriebener und effizienter zu machen, um wieder zu anderen Ländern aufzuschließen, die längst weiter sind. Mit Hoffnung verfolge ich auch die Ansätze eines Neustarts bei der Umsetzung der Energiewende. Hier steht der Fokus jetzt auf Machbarkeit, Tempo und Bezahlbarkeit. Die Energiewende muss jetzt in eine neue Phase gehen, in der nicht die Interessen von Investoren, sondern der Nutzen für die Kunden im Vordergrund steht. Ihre „Rendite“ zählt, das müssen wir endlich zur Richtschnur machen.

2026 müssen wir den Hebel umlegen

Ordnungspolitisch brauchen wir dafür vor allem eins: Freiheit! Die Politik muss an vielen Stellen gar nicht mehr, sondern weniger tun, um die Kreativität und die Gestaltungskraft in diesem Land wieder zu entfesseln. Viele Regelungen und Belastungen, die die Initiativen von Bürgern und Wirtschaft hemmen, sind nur vermeintlich alternativlos. Alternativlos darf kein Synonym für Machtlos werden. Denn wir sind nicht machtlos. Wir können Prozesse vereinfachen, Daten nutzen, Talente fördern, internationaler denken. Politik muss den Rahmen liefern, aber auch den Anspruch: schneller, einfacher, digitaler – und europäisch. Zukunftsfähigkeit hängt wesentlich davon ab, dass Menschen die Freiheit bekommen, Veränderung aktiv zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und mit Kreativität Probleme anzugehen.

Wenn ich auf das gerade begonnene Jahr 2026 schaue, hoffe ich, dass aus dieser Erkenntnis der Impuls zu kraftvoller Veränderung entsteht. Cicero hat in den Lehrbriefen an seinen Sohn über das „Rechte Handeln“ (De Officiis) sehr klar formuliert: Erkenntnis ist wichtig, aber kein Wert an sich, sie muss in konkretes Handeln für das Gemeinwohl münden. Nehmen wir das als Aufruf, zuversichtlich und tatkräftig zu handeln: die Dinge anzupacken, statt über sie zu klagen; Strukturen zu verändern, Freiheit einzufordern statt nur auf die Politik zu verweisen, europäisch zu denken, statt sich im nationalen Klein-Klein zu verlieren. Wenn wir Tempo, Teamgeist und Technologie verbinden, kann 2026 zum Wendepunkt werden – nicht weil Probleme verschwunden wären, sondern weil wir uns daran gemacht haben, sie gemeinsam zu lösen.

Wir können durch mutiges Handeln die Zukunft aktiv beeinflussen.

Leonhard BirnbaumCEO, E.ON SE
Das aktuelle Handelsblatt Journal
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